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Unterschiede und Gemeinsamkeiten Bei der Analyse der Eigenschaften, die für Neijia-Stile von zentraler Bedeutung sind, habe ich als einen wesentlichen Aspekt herausgearbeitet, dass ein Neijia-System eine Übungsmethodik beinhalten sollte, welches es dem Trainierenden mehr und mehr erlaubt, sich der Formlosigkeit seines Geistes bewußt zu werden, und diese Eigenschaft im Sinne von maximaler Flexibilität auch in konkreter, das heißt formbehafteter Weise zu nutzen. Dieser formlose Aspekt des Geistes in seiner Reinform erlaubt logischerweise keine Variationen, Ähnlichkeiten, Schwerpunktsetzungen, Widersprüche u.ä. bei verschiedenen Personen, die sich dieser Formlosigkeit bewußt geworden sind. Dies ist vergleichbar damit, dass sich der nicht vorhandene Inhalt bzw. die Leere einer leeren Tasse nicht von dem nicht vorhandenen Inhalt (der Leere) einer leeren Vase unterscheiden kann. Die Wege, die zu dieser Bewußtwerdung hingeführt haben, sowie verschiedene Möglichkeiten, diese Formlosigkeit zu nutzen, können sich aber (vielleicht erstaunlicherweise) maximal unterscheiden. Ähnlich, wie viele Wege nach Rom führen können, die außer dem letztendlichen Ziel überhaupt nichts gemein haben, können unterschiedlichste Schulungsmethoden des Geistes, der Psyche, des Bewußtseins entwickelt werden, die als Ziel oder zentrales Element die Bewußtwerdung der Formlosigkeit des Geistes beinhalten. Und ähnlich, wie man sich mit der Botschaft aus Rom wiederum in beliebige Richtungen von dannen machen kann, kann eine Schulungsmethode die Formlosigkeit des Geistes zu vollkommen unterschiedlichen Zwecken nutzen oder in gänzlich unterschiedliche Aktivitäten einbinden. Genauso, wie jeder Weg zu einem Weg oder Umweg nach Rom oder von Rom werden kann, kann jede geistige Aktivität zur Formlosigkeit in Beziehung gesetzt werden. In theoretischer Hinsicht wurde hier festgestellt, dass sich daher auch Taijiquan, Baguazhang und andere innere Kampfkunststile prinzipiell gänzlich unterscheiden können, ohne dass dies der Neijia-Zugehörigkeit widersprechen müßte. In der Praxis stellt man jedoch immer Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten fest, die an dieser Stelle auf keinen Fall verleugnet oder in den Hintergrund gedrängt werden sollen. Ich halte es an dieser Stelle für nötig, sich zunächst einmal mit dem Wesen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu befassen, und damit, in welchem Zusammenhang Gemeinsamkeiten und Unterschiede stehen, unabhängig davon, welche Objekte betrachtet werden. Zunächst ist festzustellen, dass bei Wahrnehmung und kognitiver Klassifizierung Gemeinsamkeiten und Unterschiede einander bedingen. Ohne Gemeinsamkeiten zu erkennen, wäre es absolut unmöglich, auch nur die geringste Ordnung zum Zweck des Wiedererkennens oder der Klassifizierung in die vorhandene Informationsfülle zu bringen, so dass man vollends im Chaos der Sinnesreize versinken würde. Ohne Unterschiede zu erkennen, wäre alles gleich, und damit bedeutungslos. Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus Rohinformationen zu extrahieren, und damit zusätzliche Informationen zu schaffen, gehört zu den absolut grundlegenden Funktionen des menschlichen Nervensystems (bei Tieren natürlich ebenfalls). Jede einzelne Nervenzelle arbeitet nach einem Prinzip, das genau diesem Zweck dient. Die Informationen, die dem Gehirn von den Rezeptorzellen der Sinnesorgane geliefert werden, werden bereits auf dem Weg dorthin in diesem Sinne verarbeitet und vorstrukturiert, so dass das Gehirn bei seiner Aufgabe des Erkennens von Ereignissen und Gegenständen effektiver arbeiten kann. Die Informationsverarbeitung hinsichtlich Gemeinsamkeiten und Unterschieden findet damit bereits auf einer vollkommen unbewußten und nicht beeinflussbaren Ebene statt. Sie erlaubt bereits in einer relativ frühen Verarbeitungsstufe der Sinnesinformationen automatische und schwer zu beeinflussende Reaktionen auf bestimmte Reize. In der geistigen Entwicklung des einzelnen Menschen vom Säugling zum Erwachsenen und vom Erwachsenen zum erfahrenen Weisen (wenns denn klappt...) haben das Erkennen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden eine unterschiedliche schwerpunktmäßige Bedeutung in verschiedenen Lebensphasen. In der frühen Lebensphase steht das Erkennen von Gemeinsamkeiten im Vordergrund. Zunächst müssen einfache Objekte als identisch erkannt werden (Stichwort Objektkonstanz), bevor dann verschiedenen, aber ähnlichen Objekten Unterschiede zugeordnet werden. Diese Lernprozesse gehen auf immer höherem Niveau weiter, bis ein Mensch im Erwachsenenalter glaubt, alle für sich wichtigen Dinge der Welt klassifiziert zu haben, so dass er sich selbständig darin zurechtfindet. Je höher das Niveau der Klassifizierung steigt, umso wichtiger werden für die Betrachtung von Objekten, Ereignissen und Phänomenen die Unterschiede. Zunächst einmal braucht man immer mehr und feinere Unterschiede, um immer neue, bessere und feinere Kategorien für die Ordnung der Dinge zu entwickeln. Aber die immer feinere Kategorisierung bringt stets den Nachteil mit, dass der Blick für das absolut Besondere und das Einzigartige immer mehr verloren geht. Während man die Entwicklung immer neuer Klassifizierungen und kognitiver Strukturen philosophisch als Konstruktion (im Sinne der philosophischen Strömung des Konstruktivismus) bezeichnet, wird der entgegengesetzte Vorgang als Dekonstruktion bezeichnet (und die postmoderne philosophische Schule als Dekonstruktivismus nach dem französischen Philosophen Derrida). Ohne die Bildung von Ordnungsstrukturen prinzipiell abzulehnen, geht es darum, die Fähigkeit zu entwickeln, auf neue Ordnungsschemata manchmal bewußt verzichten zu können, einzelne Objekte bei der Betrachtung aus Ordnungsschemata herauszulösen, und auch unreflektierte etablierte Ordnungen der Kategoriensysteme aufzulösen. Ein zentraler Aspekt des Dekontruktivismus ist es, zu erkennen, dass die Dinge (Objekte) nicht mit sich selbst identisch sind, dass die Dinge nicht mit ihrem Namen, ihrer Beschreibung oder Klassifizierung identisch sind, und dass nicht einmal die Beschreibungen dauerhaft mit sich selbst identisch sind. Sowohl die Dinge selbst wie auch die Beschreibungen befinden sich in steter Wandlung und zwischen der Beschreibung und den Dingen selbst befindet sich stets eine unüberbrückbare Kluft. Beschreibungen können geändert werden, und dennoch die Dinge wiedererkennbar machen, aber die Beschreibungen können nie allen sich wandelnden Aspekten der Dinge und der Umgebung hinterherlaufen. Meiner Einschätzung nach ist es gerechtfertigt, dass Üben einer inneren Kampfkunst mit den bedeutenden Aspekten des Fühlens und sensiblen Wahrnehmens und der bereits beschriebenen Geistesschulung als Lernen mit einem dekonstruktivistischen Konzept zu bezeichnen (ergänzend zu dem Konzept der Dialektik nach Hegel). Auch beim Üben von Kampfkunstformen arbeitet man ständig mit einer bildlichen Vorstellung davon, wie die Form optimal auszusehen habe, also mit einer Beschreibung, während man die Form niemals perfekt an dieses Ideal angleichen kann. Die Lernerfahrung, die sich mit der Zeit durch das Üben der Form ergibt, führt zu einer verinnerlichten Struktur, die es erlaubt, die Form automatischer und flüssiger zu laufen, und gleichzeitig auf neue Aspekte zu achten, die dann verbessert werden können. Dies beeinflußt dann auch die bildliche Vorstellung der Form, die als Idealbild das Lernen und Üben leitet. Auch hier bleibt zwischen der internen Form-Repräsentation beim Übenden und der Form selbst immer eine Kluft, die niemals ganz geschlossen werden kann. An dieser Stelle geht es mir jedoch um einen systematischen Vergleich der Stile Taijiquan und Baguazhang, und insbesondere der Bewertung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Meiner Einschätzung nach reicht es dabei nicht aus, möglichst viele Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten, um dadurch dann zwangsläufig zu einer zutreffenden Beschreibung der Zusammenhänge zu kommen. Dass manchmal (scheinbar) sehr kleine Unterschiede eine große Bedeutung haben können, zeigt das Beispiel einer echten und einer (gut) gefälschten Banknote, deren Wertunterschied man in Prozent schon nicht mehr ausdrücken kann. Dass auch riesige Unterschiede nicht jede (scheinbar) kleine Gemeinsamkeit in die Bedeutungslosigkeit verbannen, kann man sich am Beispiel eines Schriftstellers/Philosophen vergegenwärtigen, der zwei Bücher schreibt, einen Roman, und einen philosophisches Werk, die zwar keinen einzigen Satz gemeinsam haben, und völlig unterschiedlichen Kategorien von Werken angehören, aber möglicherweise trotzdem geschrieben wurden, um dem Leser dieselben Einsichten zu vermitteln. Es geht folglich darum, die gefundenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede anhand von übergeordneten Konzepten und Zielsetzungen zu beschreiben und zu bewerten. Je nachdem, welche Konzepte und Ziele man auswählt, wird man andere Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten, und daraus zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Es ist mein Anliegen an dieser Stelle, den Leser zu ermutigen, solche Konzepte im Hintergrund zu erkennen und kritisch zu hinterfragen, und seine eigenen Schlüsse zu ziehen und Bewertungen zu unternehmen. Ob man letztendlich die Gemeinsamkeiten oder die Unterschiede höher bewertet, d.h. ob man zu dem Schluß kommt, es mit Varianten einer Sache zu tun zu haben, oder es sich um wesensverschiedene Angelegenheiten mit eher nebensächlichen Gemeinsamkeiten handelt, kann man nicht ausschließlich anhand der gefundenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede entscheiden. Diese Frage entscheidet sich letztendlich aus dem Blickwinkel des Betrachters. Es ist deswegen angebracht, die Wahl seines eigenen Blickwinkels gut begründen zu können. Damit es beim Vergleich der Kampfkunststile Taijiquan und Baguazhang nicht zur oberflächlichen Aufzählung von Eigenschaften kommt, die vielen Lesern sowieso schon bekannt sein dürften, möchte ich damit beginnen, beide Systeme anhand von umfassenden Konzepten zu beschreiben. Wenn man ein System (aus chinesischer Tradition) unter dem Blickwinkel der Kampfkunst und Selbstverteidigung betrachtet, stellt man fest, dass es sich zwischen den Polen der Form und der Anwendung und den Polen der abstrakten Prinzipien und der konkreten Anwendungsideen aufspannt. Die reale Anwendung, also der Kampf oder die Selbstverteidigungssituation, ist immer chaotisch, vielschichtig und einzigartig. Außer vielleicht in früheren Zeiten auf dem Schlachtfeld vergangener Kriege, ist sie zudem relativ selten, so dass sie sich der genauen Beobachtung und Analyse sowie dem “Lernen durch die Praxis” weitgehend entzieht. Nur ein geringer Teil der Kampfkunst-Trainierenden einschließlich der weit fortgeschrittenen Experten sind in irgendeinem Bewachungs-, Security- oder Polizeibereich tätig, in denen Kampf- und SV-Fähigkeiten regelmäßig benötigt werden. Auch ein Leben als gewalttätiger Hooligan eignet sich nicht als Methode der “Real-Life-Ausbildung”, weil hier eher die Suche nach Schwächeren und Gewalttätigkeit mit Angriffsverhalten “geübt” wird. Reale Kampf- und SV-Situationen sind zudem meistens zeitlich sehr kurz, so dass es kaum Gelegenheit gibt, aus dem vorhandenen Übungs- und Ideenrepertoire auf vielfältige Weise zu schöpfen. Aufgrund dieser Problematik ist es notwendig, sich auf ein imaginäres Bild des realen Lebens zu verlassen. Die Einzigartigkeit und Unberechenbarkeit (Chaotik) einer realen Situation erlaubt es selten, eine Technik wie aus dem Lehrbuch anzuwenden, sondern erfordert fast immer eine Anpassung der gelernten Technik oder der vorgestellten Absicht (z.B. jemanden mit einer bestimmten Wurftechnik auf den Boden zu legen und dort zu “fixieren”) und einen Kompromiss in der Qualität der Ausführung. Bei der Erfindung und Entwicklung von Bewegungsformen, in denen der Trainierende die gewünschten Bewegungen und Techniken ohne Gegner oder Partner üben kann, muss daher logischerweise eine systematische Veränderung der “realen” Bewegungen vorgenommen werden. Auch die Möglichkeit, mit moderner Technik einen realen Kampf auf Video aufzunehmen, kann zwar lehrreich sein, aber die Idee, einfach die Handlungen des Angreifers auszublenden und die Bewegungen des Verteidigers exakt nachzuahmen und dies als Soloform zu betrachten, halte ich für nicht durchführbar, weil man auf diese Weise niemals ein sinnvolles und systematisches Übungsrepertoire zusammenstellen kann (es sei denn, die “realen” Kämpfe werden dem gewünschten Ergebnis stark angepasst). Die Formen und die darin enthaltenen einzelnen Figuren stellen folglich immer Idealisierungen, Abstraktionen und Schwerpunktsetzungen einer imaginierten Realität dar. In den chinesischen Kampfkunsttraditionen hat man sich daher die Not zur Tugend gemacht, und diese Veränderungen systematisiert und die Nutzungsmöglichkeit unterschiedlicher Abstraktionsgrade und unterschiedlicher Abstraktionsmethoden erforscht. Das Ergebnis sind die zahllosen bekannten und weniger bekannten Stile des chinesischen WuShu. Die Möglichkeit und gleichzeitige Notwendigkeit, Techniken und Bewegungen anders zu üben, als sie im Ernstfall eingesetzt werden sollen, ist in verschiedenen Stilen sehr weit getrieben worden. Es bietet sich hier an, eine weitere Beschreibungsdimension einzuführen, die ich “Abstraktionsdimension” nenne. Die reale Situation, d.h. der Kampf oder die Selbstverteidigung bildet den einen Pol in Richtung “konkret”, den anderen Pol in Richtung “abstrakt” bilden in maximaler Weise veränderte, zusammengefasste, also abstrahierte Bewegungen und Körperhaltungen. Dies sind in den meisten Kampfkunststilen die Grundstellungen, in denen verschiedene Körperhaltungen geübt werden. Die Abstraktionsdimension ist nicht mit der Dimension “Bewußtseinsschulung” aus dem vorherigen Kapitel identisch. Die Beschreibungsobjekte der Dimension “Abstraktion” sind konkrete Körperhaltungen, Bewegungen, Formen und Techniken. Die Dimension “Bewußtseinsschulung” beschreibt das methodische Konzept einschließlich der Trainingsziele eines Kampfkunststils, diese Dimension ist also erheblich umfassender. Es wird später noch deutlicher gezeigt werden, dass es nicht korrekt ist, einen eindeutigen (proportionalen) Zusammenhang zwischen diesen Dimensionen anzunehmen in dem Sinne, dass stärker abstrahierte Bewegungen auch eine “höhere” Bewußtseinsschulung bewirken oder bewirken sollen. Bei der näheren Beschreibung der Methode der Bewußtseinsschulung wurde schon erwähnt, dass es auf die geistige Arbeit mit den jeweiligen Besonderheiten einer Übung ankommt. Wie “abstrakt” die Übung auf der anderen Dimension ist, ist davon unabhängig. Die Abstraktion von Bewegungen und Körperhaltungen ist also ein Prozess (oder das Ergebnis eines Prozesses), bei dem die ursprünglichen, (imaginierten) realen Kampfbewegungen in systematischer und gezielter Hinsicht verändert werden, ohne ihren Repräsentationsanspruch für die ursprüngliche Bewegung aufzugeben. Es wird dabei versucht, bei vielen verschiedenen “realen” bzw. “realistischen” Bewegungen die wichtigen von den unwichtigen Merkmalen zu trennen, und nur die wichtigen Merkmale in die abstrahierte Bewegung zu übernehmen. Die wichtigen Merkmale können dabei zu Trainingszwecken manchmal stark übertrieben werden. Die Veränderung der ursprünglichen Bewegungen und die Zusammenführung von verschiedenen Bewegungen aus realistischen Techniken in einer abstrakten Bewegung kann so weit gehen, dass man von der abstrahierten Bewegung nicht mehr auf die ursprüngliche(n) Bewegung(en) schließen kann. Der Weg der Entstehung ist nicht mehr (oder nicht mehr eindeutig) zurückverfolgbar. Es bleibt dem Trainierenden überlassen, hier Interpretationsmöglichkeiten zu finden, das heißt er muss selbständig oder mit Anleitung seines Lehrers den Weg zurück zum Konkreten und Anwendbaren finden und gehen. Wenn man die Figuren und Formen des Taijiquan mit denen des Baguazhang vergleicht, kann man schnell feststellen, dass es Unterschiede im Grad der Abstraktion gibt. Die Figuren des Taiji orientieren sich sehr stark an der grundlegenden Stehübung des Taijiquan, der Stehenden Säule, bei der man die Arme in Brust- oder Bauchhöhe vor dem Körper hält, als wenn man einen Baum oder Ball umarmen würde. In dieser Stehenden Säule werden (unter anderem!) zunächst in unbewegter Haltung die Verbindungen der korrespondierenden Gelenkpaare geübt, das sind Schulter und Hüften, Ellenbogen und Knie sowie Hand- und Fußgelenke. Die Körperhaltung soll natürlich sein, so dass durch die Haltungkorrektur, die der Lehrer oder man selbst vornimmt, Abweichungen von der alltäglichen Körperhaltung (sofern sie gesund ist) relativ gering sind. Ein wesentliches Kriterium ist die energetische Öffnung bei gleichzeitig geschlossener, d.h. locker eingerasteter Haltung der Gelenke. Die allermeisten Figuren in beinahe allen Taiji-Stilen verkörpern die Idee, die Merkmale dieser ruhenden Körperhaltung in der Bewegung nicht aufzugeben und zu verändern. Insbesondere kommt es nur in sehr geringem Maße zu horizontalen Verdrehungen oder zu S-förmigen Verschiebungen der Wirbelsäule. Drehungen des Oberkörpers oder Bewegungen des Oberkörpers nach rechts oder links (mit stärkerer Gewichtung auf einem Bein) werden immer als Ganzkörperbewegung ausgeführt, so dass Schultern und Hüften parallel übereinander liegen bleiben. Der Oberkörper bildet mit Schultern und Hüften quasi ein Rechteck, welches sich weder entlang seiner Längsachse (zu sehr) verdrehen noch (zu sehr) in ein Parallelogramm (in dem die Wirbelsäule eine seitliche S-Form erhalten würde) verwandeln darf, um den Taiji-Regeln nicht zu widersprechen. Der Sinn des Ganzen besteht darin, über diese ausgesprägte, bewußte Kontrolle einerseits den Körper muskulär zu kräftigen, jedoch ohne, dass dies ein Training im Sinne absichtlich forcierter Muskelanspannungen wäre, und andererseits durch die energetische Öffnung der Energieleitbahnen, die Absenkung des Schwerpunktes und die Konzentration auf den Unterbauch das Dantian als Energie- und Bewegungszentrum zu entwickeln. Das Dantian stellt einen Schnittpunkt mehrerer funktionaler Ebenen dar, es ist nicht angemessen, es als reines “Energiephänomen” zu beschreiben oder zu erklären, auch wenn dies gelegentlich versucht wird. In der Praxis des Taijiquan und auch anderer innerer (und auch äußerer) Kampfkünste ist das Dantian untrennbar mit der Entwicklung der Hüft- und Bauchmuskulatur, den motorischen Aspekten der Kontrolle dieser Muskulatur und den verinnerlichten motorischen Bewegungs- und Haltungs-”programmen” (d.h. den oft geübten Haltungs- und Bewegungsformen, also z.B. der Stehenden Säule, den Seidenübungen und den längeren Formen) verbunden. Ergänzt wird dies durch die Fähigkeit, äußere Reize in ihrer vollständigen Wirkung auf die Ebenen Körper, Energie und Geist wahrnehmen zu können, und entsprechend intuitiv und ganzheitlich reagieren zu können. Bereits in dieser vereinfachten Beschreibung der Praxis des Taijiquan kann man viele Gegensatzpaare und integrative Konzepte entdecken, die für eine Geistes- und Bewußtseinsschulung genutzt werden können, um sich des formlosen Wesens seines Geistes bewußt werden zu können, und die gewonnene geistige “Fluidität” wieder in die Praxis und die Form einfließen zu lassen. Abgesehen von all diesen Eigenschaften halte ich es für ein bzw. das grundlegende Konzept (das “Wesen”) des Taijiquan, Bewegungen zu beinhalten, die in ihrem Abstraktionsgrad von den ursprünglichen Techniken und Kampfanwendungen soweit entfernt (abstrahiert) sind, dass eine eindeutige Zuordnung nicht mehr erkennbar ist. Mit den Bewegungen und Formen des Taijiquan wird also eine breite Lücke auf der Abstraktionsdimension geschlossen, die sich zwischen den äußeren Polen der Stehenden Säule und der konkreten Anwendung aufspannt. In dem Bereich dazwischen befinden sich von der Mitte aus gesehen zur Seite der Stehenden Säule hin die Taiji-Figuren (z.B. die einzelne Peitsche etc.), auf der Seite zur realen Anwendung hin können sich z.B. konkrete SV-Techniken befinden, die man einzeln oder mit Partner übt. Dieser Bereich mit einem geringeren Abstraktionsniveau ist im Taijiquan höchstwahrscheinlich absichtlich nicht mit konkreten (also “offiziell” zum Stil gehörenden) Bewegungen ausgearbeitet und gefüllt, vermutlich, um es dem Praktiker zu ermöglichen, seine eigene Interpretation zu entwickeln. Dabei ist anzumerken, dass die Abstraktionsmethode des Taijiquan nicht die einzige Methode ist, den Bereich stark abstrahierter Bewegungen zwischen Stehender Säule und den realistischeren, technischeren und eindeutigeren Bewegungen auszuarbeiten. In anderen Stilen wird dieser Bereich mit anderen Bewegungen und mit Übungen mit anderen Merkmalen und Schwerpunktsetzungen gefüllt, auch wenn diese Ebene häufig nicht so differenziert und umfangreich ausgearbeitet ist wie im Taijiquan. Taiji-Version 1: Weich und fließend Verschiedene Taiji-Stile und verschiedene Praktiker eines gleichen Stils interpretieren die Prinzipien und Formen des Taiji auf deutlich unterschiedliche Weise. Ich habe stilübergreifend über verschiedene Taiji-Stile im Hinblick auf Kampfkunstaspekte im Wesentlichen drei verschiedene Typen von Praktikern oder Interpretationsarten beobachtet. Die erste Gruppe stellen diejenigen Praktiker dar, die jede Art von Muskelanspannung und auch körperliche Anstrengung vermeiden und sich bemühen, die Form möglichst weich, rund und fließend zu laufen. Die Geschwindigkeit ist meistens langsam, aber nicht maximal langsam, weil eine zu langsame Form nicht mehr besonders fließend wirken würde. Häufig handelt es sich bei dieser Art von Praktikern um Anhänger des Yang-Stils (mit der “langen Form”) oder des Yang-Stils nach Zheng Man Qing (mit einer etwas verkürzten Form). Der Realismus der Selbstverteidigungs- und Kampfanwendungsmöglichkeiten ist diesen Praktikern häufig nicht allzu wichtig. Das Anwendungsprinzip beruht zum größten Teil auf sensiblem Spüren, um rechtzeitig zurück- und ausweichen zu können, so dass die Aktionen des Angreifers ins Leere laufen. Die Körperhaltungsstruktur wird bewahrt, indem man es dem Gegner nicht erlaubt, Ansatzpunkte zu finden, an dem eine Gegenkraft oder ein eigenes Bemühen entgegen der Angriffsabsicht zu finden ist. Dies geschieht sowohl durch Schrittarbeit mit Ausweichen zur Seite und nach hinten, wie auch durch horizontales Verdrehen des ganzen Oberkörpers. Manche Praktiker bemühen sich sogar, eine Weichheit und Nachgiebigkeit zu entwickeln, in der viele Aspekte der Haltungsprinzipien bei Bedarf aufgegeben werden können. Dazu gehört dann z.B. das Beugen des Oberkörpers bzw. der Wirbelsäule nach vorne, hinten oder zur Seite, sowie die Verdrehung der Wirbelsäule, so dass Schultern und Hüften nicht mehr parallel zueinander stehen. Sobald es wieder möglich ist, versucht der Praktiker die Haltungsstruktur wieder einzunehmen. Weil bei dieser Trainingsmentalität die Stabilität der Haltung in Beinen und Oberkörper (fast) nur im technischen Sinne, aber (fast) ohne ergänzenden Muskelaufbau entwickelt wird, stellen dies eindeutig Schwachpunkte bei SV-Anwendungen dar. Häufig fehlt es nach erfolgreichem Ausweichen an wirkungsvollen Gegenangriffs- und Konterideen, weil diese nicht oder nur wenig trainiert werden. Auch für Push-Wettkämpfe mit Schrittarbeit (Moving-Step-Pushen, HuoBu TuiShou) ist dieses Training ungeeignet, weil hierbei eine trainierte Bein-, Hüft und Rumpfmuskulatur von essentiellem Vorteil ist. Bei Pushwettkämpfen in festem Stand (Fix-Step-Pushen, DingBu TuiShou) ist der Einsatz von kraftvolleren Bewegungen und Pushversuchen oft nicht gern gesehen, weil es regeltechnisch kaum möglich ist, eine Grenze für eine erlaubte physikalische Kraft oder die eingesetzte Muskelkraft einzuführen. Ich habe schon Praktiker gesehen, die eine beeindruckende, extrem anpassungsfähige Nachgiebigkeit sowohl in intuitiver Hinsicht wie auch in technischer Hinsicht verfügten. In technischer Hinsicht besteht die Möglichkeit, für zahlreiche mögliche (Push-)Angriffsvarianten Ausweichskreisbewegungen zu entwickeln und zu lernen. Solche meistens horizontalen Kreisbewegungen, die mit den Armen oder dem Oberkörper ausgeführt werden, ermöglichen es, die Haltungsstruktur nicht aufzugeben, um dann wieder in eine vorteilhaftere Position zu gelangen. Taiji-Version 2: Stabil stehen Die zweite Variante, durch Taijiquan Kampfkunstfähigkeiten zu entwickeln, besteht darin, das Üben der Stehenden Säule und der Form als Training für die Stellungsstabilität zu nutzen. Die Fähigkeit, auch bei ziemlich starken auf den Körper einwirkenden Druckkräften stehenbleiben zu können, und diese Kräfte aufzunehmen und in den Boden abzuleiten zu können, bildet die wichtigste Grundlage für Kampf- und SV-Anwendungen. Anhänger dieser Taiji-Version üben oft den Chen-Stil, aber auch Yang-Stil- und Wu-Stil-Anhänger kann man manchmal zu dieser Kategorie zählen. Die Fähigkeit, starke Kräfte aufnehmen und neutralisieren zu können, ergibt sich als Kombination bzw. Integration von mehreren Aspekten. Physikalisch gesehen wird die Kraft über eine bestimmte Linie in den Boden geleitet. Dazu muss die Skelettstruktur des Körpers so ausgerichtet werden, dass die Muskulatur an allen beteiligten Gelenken möglichst wenig zu arbeiten hat. Dies ist dann der Fall, wenn die Muskulatur lediglich ein Aufbrechen der Struktur verhindern muss, und nicht selbst eine Gegenkraft zur einwirkenden Kraft erzeugen muss. Die Kraft wird dann von Knochen zu Knochen über alle Gelenke bis in den Boden geleitet, ähnlich wie bei einer Bogenbrücke die Kraft eines belastenden Gewichts (z.B. ein Auto) auch von den Stellen in der Mitte zwischen zwei Pfeilern gleichmäßig zu den Pfeilern hin geleitet wird. Beim Aufnehmen der Kräfte wird die aufrechte Haltung der Wirbelsäule nicht, bzw. nur minimal aufgegeben, so dass es nicht erlaubt ist, sich mit dem Körper diagonal gegen die einwirkende Kraft zu lehnen. Dadurch könnte zwar die mögliche Gegenkraft erhöht werden, allerdings besteht dann kaum noch die Möglichkeit, flexibel auf Veränderungen der Krafteinwirkung zu reagieren. Durch die aufrechte Haltung der Wirbelsäule ist es dem Taiji-Praktiker zudem möglich, sich flexibel an mehrere gleichzeitig (oder kurz nacheineinander) einwirkende Kräfte aus unterschiedlichen Richtungen anzupassen und diese zu neutralisieren. Die Kunstfertigkeit bei der Neutralisiation besteht darin, sich sowohl allen schnellen und langsamen Veränderungen der einwirkenden Kräfte anpassen zu können, wie auch bei plötzlichem Nachlassen der Krafteinwirkungen nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, z.B. durch eine unwillkürliche Schnapp- oder Springbewegung des ganzen Körpers, weil die eingesetzten Muskelkräfte plötzlich keinen Gegendruck mehr haben. Für die Fähigkeit der intuitiven, absolut flexiblen Anpassung an die einwirkenden Kräfte ist eine geschulte Aufmerksamkeit, ein energetisch aufgeladener Körper mit einem entwickelten Dantian, und eine gleichmäßig ausgebildete Muskulatur an allen beteiligten Stellen notwendig. Um diese Eigenschaften zu trainieren, wird beim Üben der Taiji-Form besonderen Wert auf eine Haltungskorrektur gelegt, die trotz des Bemühens, alle Muskeln möglichst zu entspannen, maximal anstrengend ist. Zudem wird die Form häufig extrem langsam geübt, so dass man jede kleinste Bewegung hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf potenzielle Kraftlinien bei einwirkenden Kräften wie auch auf die maximale Belastung der Muskulatur durch die Ausrichtung der Haltung erforschen kann. Das Üben der Form stellt daher gleichzeitig ein besonderes Kraft-, Haltungs-, Energie- und Bewußtseinstraining dar. Bezüglich des Einsatzes der Muskulatur ist hier zu erwähnen, dass bei dieser Taiji-Interpretation (“stabil stehen”) die Belastung der Muskulatur deutlich höher ist als bei der zuerst beschriebenen Taiji-Variante (“weich und fließend”). Dennoch vermeidet man auch hier den Einsatz des bewußten Forcierens von Muskelkraft. Hinsichtlich von automatisch entstehenden Muskelanspannungen (aufgrund des Einsatzes der Prinzipien) ist man aber deutlich toleranter, was man beim Einwirken von starken Kräften zulassen kann. Bei Pushwettkämpfen mit und ohne Schrittarbeit wird die Fähigkeit, starke Kräfte aufnehmen zu können, bevorzugt eingesetzt, während großräumiges Zurück- oder Ausweichen nur noch als Notlösung betrachtet wird. Das Aufnehmen und Ableiten der Kräfte ist jedoch (bei Könnern) immer von sehr subtilen Aktivitäten des Ausweichens begleitet, um zu verhindern, dass es dem Gegner überhaupt gelingt, seine Kraft zielgerichtet einzusetzen. Pusher nach dieser Methode sind bei Taiji-Vertretern der erstgenannten Taiji-Version nicht immer beliebt, weil sie meistens gegen sie gewinnen und den Eindruck hinterlassen, aufgrund von Krafteinsatz oder eines vorhanden Kraftpotentials gewonnen zu haben. Pusher nach der Taiji-Version-2-Methode entgegnen darauf, dass sie ihre Muskelkräfte gemäß den Taiji-Prinzipien einsetzen würden, weil diese Kräfte sonst durch die Taiji-Fähigkeiten des Gegners zu ihren Ungunsten neutralisiert und umfunktioniert werden könnten. Abgesehen davon wird das vorhandene Kraftpotential, welches aufgrund von technischen und intuitiven Fähigkeiten in vielen Fällen nicht ausgespielt wird, in seiner Bedeutung häufig heruntergespielt. In der gleichen Weise, wie sich Taiji-Version-2-Praktiker beim Pushen darauf konzentrieren, das Dantian und die Wirbelsäule als zentrale Achse des Körpers möglichst direkt anzugreifen, funktioniert die Selbstverteidigung entsprechend dieser Philosophie. Es wird versucht, immer zu genau zu erspüren, in welcher Beziehung die beiden Dantian des Angreifers und des Verteidigers (man selbst) zueinander stehen, und wie sich die jeweiligen Handlungen, Bewegungen und Berührungspunkte auf dieses Kräftefeld auswirken. Man versucht, jeder kleinsten Aktion des Angreifers nur mit minimalen Reaktionen auszuweichen, und gleichzeitig Lücken zu finden, um mit den Händen zum Kopf des Angreifers zu gelangen. Auch explosive Schlagtechniken werden bei Bedarf bevorzugt in senkrechter Richtung zur Aktionsrichtung des Angreifers ausgeführt, nicht frontal entgegengesetzt. Anhänger dieser Philosophie sind gelegentlich der Meinung, dass man die nötigen Verhaltensweisen in intuitiver Weise direkt aus den verinnerlichten Prinzipien durch das Lernen der Form ableiten kann. Auch dem Pushwettkampf wird dann kein besonderer Trainingseffekt zugeschrieben, sondern das Pushen dient lediglich als Überprüfungsmethode, ob man bei Lernen der Prinzipien Fortschritte macht. In methodischer Hinsicht wird quasi ein Überlaufmodell vertreten, welches besagt, dass die Fähigkeiten vom Üben der Form automatisch in die Fähigkeiten des Pushens und der Selbstverteidigung transferiert werden, ähnlich wie man drei Wassergefäße (z.B. Becken, Schüsseln, Kannen usw.) füllen kann, indem man Wasser nur in das oberste Gefäß laufen lassen braucht, wenn sich die tieferen Gefäße unterhalb einer Überlaufstelle des oberen Gefäßes befinden. Einfacher gesagt: “Kannste Form, kannste Pushen, kannste SV!” (frei nach D. Bohlens “Haste Kohle, haste Autos, haste Frauen”). Dieses Modell wird im Kapitel “Trainingsmethodik” bei der Analyse der Wechselbeziehung von verschiedenen Trainingsmethoden und Trainingszielen noch einmal näher beleuchtet. Taiji-Version 3: Prinzip und Technik Taiji-Übende dieser Couleur interessieren sich zusätzlich oder in Verbindung mit den Taiji-Prinzipien für konkrete SV- und Kampfanwendungsmöglichkeiten und für ergänzende Übungsmethoden. Es gibt hier viele verschiedene Möglichkeiten, das Üben der zum Taijiquan gehörenden Einzel- und Partnerübungen (z.B. einhändiges und zweihändiges TuiShou) mit Anwendungen in Verbindung zu bringen. Manche Praktiker mögen und üben bestimmte Ideen, wie man z.B. bei Bewegungen der TuiShou-Partnerübungen in Hebel- oder Wurftechniken übergehen kann. Es besteht einerseits die Möglichkeit, sich an den Bewegungen der Form und den vier Grundprinzipien Peng, Lü, An und Ji zu orientieren, und von dort aus Ideen zu entwickeln, andererseits praktizieren manche Taiji-Adepten auch eine weitere anwendungsorientierte Kampfkunst, z.B. Aikido oder Ju Jutsu, um in den Techniken dieser Künste die Taiji-Prinzipien wiederzuentdecken. Hier ist zu bemerken, dass die Taiji-Prinzipien Cai, Lie, Zhou und Kao bereits einen etwas technischeren Charakter haben als die ersten vier Prinzipien, die eine sich ergänzende Einheit bilden, und daher meistens in Kombination oder zeitlich kurz hintereinander auftauchen. Manche Leute versuchen auch, Taiji und Freikampf miteinander in Verbindung zu bringen. Auch bei an Technik interessierten Taiji-Übenden kann man häufig entweder eine Neigung zur betonten Vermeidung von Muskelkraft finden, oder eine betonte Orientierung an der Stabilität der Stellungen, mit der die Qualität der Techniken verbessert werden soll. Es gibt sowohl Leute, die ihre Formen in ähnlicher oder gleicher Weise laufen wie Praktiker der Taiji-Versionen 1 oder 2, wie auch Leute, die ihre Formen entsprechend ihrer SV-Anwendungs-Ideen verändern. Dies bedeutet dann eine Änderung des Grades der Abstraktheit (entsprechend der oben eingeführten Beschreibungsdimension). Es besteht die Möglichkeit, die Formen in ihrem gesamten Charakter zu verändern und den SV- und Kampfideen anzupassen, z.B. indem man die Geschwindigkeit erhöht, Änderungen der Geschwindigkeit an bestimmten Stellen einbaut, den Muskeltonus bei bestimmten Figuren erhöht, dynamische Muster bei den Änderungen des Muskeltonus einführt, oder die Bewegungen des Oberkörpers flexibler gestaltet. Außerdem können Figuren so verändert werden, dass bestimmte Anwendungsideen wesentlich eindeutiger daraus abgeleitet werden können. Neben der Motivation, Kampf- und SV-Fähigkeiten zu erwerben, gibt es noch andere Gründe für Menschen, Taijiquan zu üben. Dazu gehört u.a. das Interesse an der gesundheitlichen Wirkung, der Aspekt der Meditation und die spirituelle Entwicklung, sowie der Wunsch, gut aussehende Formen bei Wettbewerben und Showveranstaltungen vorzuführen und Pokale und Applaus zu ernten. Diese zahlreichen unterschiedlichen Motivationsformen und Interpretationsmöglichkeiten der Stile des Taijiquan erfordern ganz unterschiedliche Kombinationen und Schwerpunktsetzungen bei der Auswahl der Übungen. Es ist nicht möglich, bestimmte Interessenslagen eindeutig bestimmten Substilen des Taijiquan zuzuordnen, denn letztendlich bieten die meisten Substile Möglichkeiten, sich entsprechend jeder der hier beschriebenen Versionen zu entfalten. Außer diesen unterschiedlichen Zielsetzungen, gibt es bei verschiedenen Menschen auch unterschiedliche Motivationen hinsichtlich der einzusetzenden Methoden und den dabei auftretenden “Nebenwirkungen”. So bedeutet ein Interesse an SV-Fähigkeiten nicht zwangsläufig auch ein Interesse daran, unbedingt besonders realistische oder effektive Fähigkeiten zu entwickeln. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass ein Interesse an SV-Fähigkeiten, aber ohne sich dabei körperlich anzustrengen, genauso legitim ist, wie Taijiquan nur für Showveranstaltungen zu lernen. Man sollte dabei jedoch nicht vergessen, dass eine solche Interessenslage und die dafür geeignete Trainingsmethodik nicht repräsentativ für den Stil als Kampfkunstsystem mit seiner ganzen Geschichte ist. Angesichts dieser unterschiedlichen Möglichkeiten, Taijiquan für die Realisierung sehr unterschiedlicher Trainingsambitionen zu nutzen, ist es angebracht, sich die Frage zu stellen, in welcher Beziehung die hier beschriebenen Versionen zueinander stehen. Von jeder der drei Varianten gibt es Vertreter, die Vertretern der anderen beiden Versionen vorwerfen, nicht (mehr) das “wahre” Taijiquan zu praktizieren, oder den anderen Taiji-Varianten die Neijia-Zugehörigkeit und/oder die Angemessenheit der Einordnung als Kampfkunst absprechen. Um hier etwas mehr Klarheit in die Zusammenhänge zu bringen, halte ich es für notwendig, die verschiedenen Möglichkeiten des Einsatzes und des Trainings von Kraft und Muskelkraft näher zu erläutern, und danach das Verhältnis von Prinzipien und Anwendungstechniken näher zu beschreiben. Es gibt im Rahmen der Kampfkünste drei verschiedene Phänomene, die mit dem Begriff “Kraft” beschrieben werden oder damit in Verbindung gebracht werden. Die Anwendung des Begriffes “Kraft” ist bei jedem dieser Phänomene korrekt, weil es jedoch drei verschiedene Phänomene sind, gibt es leider (mal wieder) zahlreiche Möglichkeiten für Missverständnisse und Möglichkeiten, mit geschickten Argumenten falsche Zusammenhänge zu begründen. Es gibt Taiji-Unterrichtende und andere “Experten”, die hier gerne und ausschließlich abstrakte und schwer zu definierende Begriffe benutzen, um alles zu erklären, aber ohne dass eindeutig nachvollziehbar ist, was genau gemeint ist, oder gezielt kritisiert werden könnte; so ist z.B. ein beliebter Satz wie “man setzt keine Kraft ein, sondern benutzt das Dantian” so gut wie völlig wertlos, wenn nicht gesagt wird, was in diesem Fall mit Kraft und dem Benutzen des Dantians genau gemeint ist. Die drei verschiedenen “Kraft”-Phänomene sind physikalische Kraft, das muskuläre Kraft-Potenzial eines Menschen (also die “Muckis”, aber sämtliche Muskeln, nicht nur die deutlich sichtbaren!), sowie die intendierte Kraft-Absicht bei einer Handlung, Bewegung oder Muskelanspannung. Jedes dieser drei Phänomene kann mit einem oder beiden anderen Phänomenen in unterschiedlicher Weise auf verschiedene Art und Weise in Zusammenhang gebracht werden. In physikalischer Hinsicht gibt es zu jeder Kraft immer eine Gegenkraft, deren Kraftpfeil in die entgegengesetzte Richtung zeigt. Wenn man z.B. ein Gewicht auf einen vollkommen entspannt auf dem Boden liegenden Menschen stellt, wirkt die Gewichtskraft nach unten, und gleichzeitig bringt der menschliche Körper durch seine physikalische Struktur die Gegenkraft auf, die dieses Gewicht an seinem Platz hält. Wenn das Gewicht zu schwer sein sollte, kann der menschliche Körper diese Gegenkraft nicht mehr aufbringen, und würde dann zerquetscht werden. Die physikalische Kraft ist vom Muskelkraftpotenzial und einem beabsichtigten Krafteinsatz zunächst einmal vollkommen unabhängig. Abgesehen davon, was ein menschlicher Körper an Krafteinwirkungen von außen aushält, ohne verletzt zu werden, spielt manchmal die Gewichtskraft in vertikaler Richtung eine Rolle, sowie die Masseträgheit, die sich ebenfalls durch das Körpergewicht der Person ergibt. Die Gewichtskraft wirkt z.B., wenn sich jemand gegen oder auf eine andere Person lehnt, die Masseträgheit wirkt z.B., wenn jemand versucht, eine andere Person zu schubsen. Eine physikalisch vorhandene Kraft kann durch ein Messgerät gemessen werden, z.B. ein Newtonmeter, meistens eine Spannfeder mit Skala. Kräfte in diesem Sinn können sowohl durch den Einsatz von Muskelaktivitäten erzeugt werden, wie auch durch die Nutzung der Rahmenbedingungen entsprechend der physikalischen Gesetze, z.B. indem man sich irgendwo gegen lehnt. Das muskuläre Kraft-Potenzial eines Menschen beschreibt, wieviel physikalische Kraft er maximal durch den Einsatz seiner Muskeln erzeugen kann. Dies kann man durch verschiedene Belastungstest überprüfen, z.B. durch das Heben von Gewichten oder mit sämtlichen anderen Einrichtungsgegenständen einer “Muckibude”. Hierbei werden jedoch fast immer einzelne Muskelgruppen unabhängig vom Rest des Körpers auf ihre Leistungsfähigkeit hin untersucht. Im Taijiquan und bei Pushwettkämpfen kommt es jedoch darauf an, welche Kräfte jemand mit seinem ganzen Körper erzeugen bzw. aufnehmen kann. Diese Kraft, die durch das effektive Zusammenwirken (fast) aller Muskeln des Körpers entsteht, kann höher sein, als es die Überprüfung einzelner Muskelgruppen an Trainingsgeräten oder mit Gewichten vermuten lassen würde. Beim Taijiquan kommt es bei Kräften, die durch Ganzkörperaktionen erzeugt werden, nicht nur auf den physikalisch messbaren Output an, sondern immer auch auf den Aspekt, ob der Taiji-Adept beim Erzeugen dieser Kraft noch frei und unabhängig handeln kann. Diese Fähigkeit wird durch die geistige Entwicklung und die Entwicklung des Dantian erworben, sowie durch viel praktisches Training in Partnerübungen und Pushwettkämpfen. Das vorhandene Kraft-Potenzial hat bei Selbstverteidigung, im Kampf oder bei Pushwettkämpfen nicht nur durch die Realisierung physikalischer Kräfte eine Bedeutung (also indem es ausgespielt wird), sondern auch dadurch, dass der Gegner oder Partner häufig merkt oder erahnt, welche Gegenkräfte durch seine Handlungen hervorgerufen werden könnten. Der Gegner ist durch die Wahrnehmung oder Einschätzung dieses Potenzial bereits in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt (wenn es denn groß oder größer erscheint als sein eigenes), so dass es vor allem auch eine klassische “psychologische” Bedeutung hat. Ein Mensch kann auf unterschiedliche Art und Weise, die Erzeugung physikalischer Kraft beabsichtigen. Die erste Möglichkeit ist das Ausnutzen physikalischer Effekte, z.B. jemand lehnt sich mit seinem Körper schlaff irgendwo gegen, und nutzt damit Masseträgheit und Gewichtskraft aus. Die zweite Möglichkeit ist der gezielte Einsatz einer separaten Muskelgruppe, z.B. das Anspannen des Bizeps bei einer Hantelübung. Die dritte Möglichkeit ist der kombinierte Einsatz aller Muskeln des Körpers, so dass das Kraftpotenzial einzelner Muskeln nicht mehr so wichtig ist, wie das effektive Zusammenspiel aller Muskeln. Bei einer Person jedoch, die mit ihren einzelnen Muskeln nicht in der Lage ist, eine nennenswerte Kraft zu erzeugen, wird auch das Zusammenspiel aller Muskeln nicht sehr viel bringen. Außerdem muss sich eine Person mit untrainierten Muskeln für die Erzeugung einer bestimmten physikalischen Kraft mehr anstrengen als eine Person mit trainierten Muskeln. Im Taijiquan versucht man nun, Fähigkeiten zu entwickeln, diese Aspekte in optimaler Form in Verbindung zu bringen. Hinsichtlich physikalischer Kraft versucht man einerseits, so wenig Kraft wie möglich zu benötigen, indem man den Wirkungsort seiner Aktivitäten möglichst geschickt wählt. Dies geschieht, in dem man Bewegungen aus dem Dantian heraus initiiert und dabei die Haltungs- und Bewegungsprinzipien und die Geschmeidigkeit und Anpassungsfähigkeit des Körpers und des Geistes nutzt. Dabei ist es nötig, dass man die geeigneten Stellen am Körper des Gegners bzw. Partners für Krafteinwirkungen kennt und praktische Erfahrung mit ihnen hat. Andererseits will man bei Bedarf so viel physikalische Kraft wie möglich aufbringen, z.B. wenn man eine Schwachstelle des Gegners gefunden hat, aber trotzdem noch relativ viel Kraft erforderlich ist, um die erwünschte Wirkung zu erzielen, z.B. weil der Gegner ein hohes Körpergewicht hat. Aber auch beim Erzeugen hoher physikalischer Kräfte ist es dem Taiji-Adepten sehr wichtig, seine Absicht und die Wirkungen seiner Handlungen unvermittelt ändern zu können, um sich einer veränderten Situation stets anpassen zu können. Beim Training der Formen und bei anderen Soloübungen versucht man daher, die Fähigkeit zu erlangen, alle Muskeln in möglichst effektiver Kombination einzusetzen, sowie zu lernen, wie man physikalische Gesetze ausnutzen kann, um seine Effektivität zu steigern. Dies betrifft vor allem die Haltungstruktur, die es erlaubt, einwirkende Kräfte entlang einer Kraftlinie über Knochen und Gelenke in den Boden abzuleiten, sowie durch minimale Bewegungen bei der Nutzung von Additionseffekten von Kräften und Hebelwirkungen große physikalische Kräfte zu erzeugen. Aus diesem Grund versucht man, seine Muskeln so zu trainieren, dass sie an allen wichtigen Stellen beim Zusammenspiel genügen Kraft erzeugen können, ohne dass einzelne Muskeln unbedingt Höchstleistungen zu erbringen haben. Die Hüft- und Rumpfmuskulatur ist hier tendenziell wichtiger als Muskeln der Extremitäten, z.B. Bizeps und Trizeps. Auch dürfen Muskeln und Muskelgruppen nicht auf eine Weise übertrainiert werden, die dann das optimale Zusammenspiel behindert. Dies kann schnell bei üblichen Formen des Bodybuildings und des Krafttrainings für andere Zwecke geschehen. Hinsichtlich der gezielten Intention, physikalische Kraft zu erzeugen oder absichtlich Muskeln anzuspannen oder Körperteile mit “starker Absicht” zu bewegen, gilt, dass dies immer im Rahmen der Prinzipien geschehen soll, und das bedeutet, seine Handlungen immer der Situation anzupassen, ohne eine gezielte kognitive oder geplante Absicht dabei zu haben (in dem Sinne “wenn der Gegner dies und jenes macht, dann ...”). Die Nutzung physikalischer Effekte durch intuitive Geschicklichkeit (also durch die Anwendung der Prinzipien) sowie die Nutzung aller Körpermuskeln in Kombination haben Vorrang vor der bewußten Anspannung einzelner Muskelpartien. Insbesondere das bewußte Anspannen bis an die Grenze der erzeugbaren Kraft soll vermieden werden, weil darunter die Sensibilität leidet und die Anpassungsfähigkeit verloren geht, man verliert sein Zentrum, und dann sein Gleichgewicht. Fortgeschrittene Praktiker können allerdings tatsächlich die Fähigkeit entwickeln, gezielt einzelne Muskeln maximal anzuspannen und den Energiefluß dort zu blockieren, aber ohne dass sie dabei geistig aus dem Zentrum geraten und dadurch “angreifbar” wären. Bei allen Aktivitäten hat man mit seiner Aufmerksamkeit stets den ganzen Körper sowie alle relevanten Umweltereignisse im Blickfeld, und man achtet darauf, dass die harmonische Einheit bzw. das Zusammenspiel von Dantian und allem anderen nicht beeinträchtigt wird. Aus der Wahrnehmung dieses Zusammenspiels entsteht die Absicht, und der Körper folgt dieser Absicht. Angesichts dieser Zusammenhänge müssen also die Fragen danach, ob denn Kraft nun “gut” oder “schlecht” sei, bzw. zum Taijiquan dazugehöre und trainiert werden sollte, folgendermaßen beantwortet werden: Bei dieser “finalen” Beurteilung handelt es sich natürlich nur um eine Art Faustregel, die der eigentlichen Komplexität und Dynamik bei dieser Angelegenheit nicht gerecht wird. Diese Faustregel ist aber wesentlich besser als das verbreitete Denkschema, nach dem alles “schlecht” bzw. zu vermeiden sei, was man mit dem Begriff “Kraft” bezeichnen kann. Hieraus läßt sich folgern, dass Leute, die Taijiquan entsprechend der oben beschriebenen Version 1 interpretieren, folglich das Potenzial, den eigenen Körper auszubilden, und die Ergebnisse dieses Trainings entsprechend der Taiji-Prinzipien zu nutzen, bei weitem nicht ausschöpfen. Viele Trainierende interpretieren vermutlich die Leitlinie, dass der bewußte Einsatz von Muskelkraft im Sinne bewußter Anspannung zu vermeiden ist, dahingehend falsch, dass man über gar kein Kraftpotenzial verfügen bräuche, und auch die Erzeugung physikalischer Kräfte grundsätzlich falsch oder schlecht sei. Ein Taiji-Training entsprechend der Version 1 kann aber dennoch eine besondere Herausforderung sein, weil man hier lernen kann, was man mit minimalen physikalischen Kräften dennoch bewirken kann. Auch historisch gesehen könnte eine Übungsmethodik entsprechend Version 1 ein Motor für die Entwicklung des Taijiquan oder bestimmter Substile gewesen sein. Insbesondere für Leute, die z.B. durch vorheriges Training eines Waijia-Stils bereits über einen starken Körper (also über “Waijia-Gongfu”) verfügten, könnte ein solches Training interessanter gewesen sein, als ein Training nach Version 2 oder 3. Dies ist in der Geschichte des Taijiquan sicherlich häufig der Fall gewesen. Taiji-Praktiker, die nach Version 2 trainieren, entwickeln ein mächtiges Werkzeug, Kräfte von außen aufnehmen und neutralisieren zu können, sowie eigene Kraft in besonders effektiver Weise einsetzen zu können. Dennoch halte ich auch diesen Aspekt nur für einen Ausschnitt aus dem Spektrum, was Taijiquan als Kampfkunst bietet. Einerseits kann dabei leicht übersehen werden, welche Fähigkeiten man auch bei nur minimaler physikalischer Krafterzeugung und ohne vorhandenes “Ganzkörperkraftpotenzial” im Hintergrund entwickeln kann, und andererseits werden die Taiji-Prinzipien vollständig von Beziehungen zu technischen Anwendungsideen herausgelöst. Ein Taiji-Version-2-Adept kann (beeindruckt durch seine eigene Power) dem Irrtum erliegen, sämtliche nicht trainierten und daher fehlenden SV-Fähigkeiten durch den ausschließlichen Einsatz von Peng, Lü, Ji und An kompensieren zu können. Ein in dieser Weise interpretierter Taiji-Stil droht zum reinen Pushwettkampfsport zu degenerieren. Es wird übersehen, welche Bedeutung die einzelnen Figuren als abstrahierte SV-Techniken haben, und die Taiji-Prinzipien Cai, Lie, Zhou und Kao, die durch das Verständnis der Beziehungen vom Konkreten zum Abstrakten erst anwendbar werden, geraten zu sehr in den Hintergrund. Das Kern-Paradoxon des Taijiquan Wie verhält es sich nun mit den technikorientierten Praktikern entsprechend Taiji-Version 3? Wie ich schon mehrfach andeutete, bin ich der Meinung, dass man SV-Techniken und andere Aspekte von Kampf- und Selbstverteidigungsfähigkeiten nicht durch ausschließliches Formentraining erlernen kann. Dennoch kann es meiner Einschätzung nach auch bei Taiji-Version-3-Adepten zu Fehleinschätzungen kommen, welchen Sinn die Formen und Prinzipien haben, und wie man sie korrekt anwendet. Wie ich oben bereits dargelegt habe, stellen die Figuren der Form abstrahierte, also veränderte Bewegungen aus Kampfsituationen dar. Dies bedeutet folglich, dass man bei der Entwicklung von Kampfideen aus den Formfiguren heraus diese Veränderungen wieder rückgängig machen muss. Man weiß dabei zwar nicht, ob man dabei die gleichen Gedanken hat, wie der “Erfinder” der Figur, aber wenn die erneute Abstraktion von der Anwendungsidee zurück zur Formfigur gemäß der Prinzipien möglich, natürlich und funktional erscheint, kann man davon ausgehen, dass man es richtig gemacht hat. Man sollte dabei aber bedenken, dass bestimmte Aspekte beim Abstraktionsprozess, also beim “Erfinden” der Figuren, auch stark übertrieben worden sind. Andere Aspekte sind z.B. beim Zusammenfügen mehrerer Anwendungsideen in einer einzigen Taiji-Figur weggelassen worden. Es besteht daher die Gefahr, dass sich die aus Taiji-Figuren entwickelten Anwendungen zu stark an der Form oder einer zu strengen Einhaltung wirklich aller Bewegungs-, Haltungs- und Kraft-Prinzipien orientieren, anstatt in wirklich allen Aspekten an die Erfordernisse der Anwendung angepasst zu werden. In einer Taiji-Form, die sich stark an den Prinzipien orientiert, sind daher längst nicht mehr alle für die Anwendung benötigten Informationen gespeichert. Aus diesem Grund mögen manche Taiji-Praktiker diese sehr stark abstrahierten Versionen der Taiji-Formen nicht, weil sie der Ansicht sind, dass Form und Anwendung besser aufeinander zugeschnitten sein sollten. Aber bei weniger stark abstrahierten Formen besteht die Gefahr, dass die Form lediglich als Bewegungsmodell für Anwendungstechniken dient. Der Aspekt der Abstraktion bis über den Grad der Wiedererkennbarkeit hinaus würde also verloren gehen, und genau diese Eigenschaft ist es ja, die das Erlernen der Prinzipien unabhängig von konkreten Anwendungstechniken ermöglichen oder entscheidend fördern soll. Die Lösung aus diesem Dilemma sehe ich alleine darin, dass man diese Widersprüche akzeptiert, und deshalb einerseits versucht, die Prinzipien anwendungsunabhängig zu verstehen, und andererseits bei der Entwicklung von Anwendungen aus der Form immer darauf achtet, sich nicht in ungünstiger Weise zu nah an den äußeren Aspekten der Form zu orientieren. Das Ziel muss es dabei sein, mit Hilfe des Formentrainings die Bewegungs-, Haltungs- und Anwendungsprinzipien zu verinnerlichen und diese verinnerlichten geistigen Strukturen auch in Bewegungen und Anwendungen wiederzuerkennen, die nur noch wenig äußerliche Ähnlichkeit mit typischen Taiji-Bewegungen haben. Dadurch lernt man nicht nur, die Taiji-Prinzipien in gänzlich flexibler Weise in immer neuen Bewegungen umzusetzen, sondern man kann die Prinzipien auch dann noch erkennen und nutzen, wenn bestimmte Regeln in unterschiedlichem Ausmaß gebrochen wurden (z.B. wenn man bei einer Anwendung nicht mehr so wie in der Form vollkommen aufrecht steht). Gemäß den im vorherigen Kapitel dargelegten Prinzipien der Bewußtseinsschulung, halte ich das Gegensatzpaar, einerseits die Prinzipien von den Anwendungen in abstrakten Formen hinein zu isolieren, und gleichzeitig die Prinzipien in Bewegungen zu realisieren, die ganz anders aussehen können als die Taiji-Formen, für das entscheidende Kern-Paradoxon des Taijiquan, an dem der Geist wachsen kann, und der das Neijia Gongfu des Taijiquan begründet. Das Verständnis der paradoxen Natur des Geistes, wenn es tief verinnerlicht wurde, und sich stets in der Praxis wiederfindet, öffnet die Tür zu dem Phänomen bzw. der Fähigkeit, dass der Gegner die eigenen Handlungen nicht mehr richtig spüren, wahrnehmen oder einschätzen kann. Wie ist bei diesen Zusammenhängen das Erlernen einer ergänzenden anwendungsorientierten Kampfkunst zu beurteilen? In der Tat erscheint es möglich und sinnvoll, beim Üben von anderen Kampfkünsten die Prinzipien des Taijiquan dort wiederzuentdecken oder dort einzubringen, falls in dem Lehrsystem wenig Bewußtsein für diese Aspekte vorhanden sein sollte. Ich persönlich halte diese Vorgehensweise für sinnvoller, als nur wenige Techniken zu üben, in denen sämtliche strengen Regeln der Form beachtet werden, und die sich deswegen zu nah an abstrakten Figuren orientieren. Es ist zwar richtig, dass es besser ist, wenige Techniken sehr gut zu beherrschen, als sehr viele Techniken nur oberflächlich zu kennen, aber man kann ein Prinzip nur dann in angemessener Weise als Prinzip verstehen, wenn man es in einer großen Zahl von Techniken verwirklichen oder zumindest wiederentdecken kann. Ein Prinzip, welches man nur mittels einer einzigen Technik oder nur in wenigen Anwendungen demonstrieren oder realisieren kann, ist eigentlich gar kein Prinzip, sondern im Grunde doch nur eine Technik oder eine kleine Gruppe von verwandten Anwendungsideen. Oder mit anderen Worten ausgedrückt, ein derartiges Verständnis eines Prinzips wäre extrem oberflächlich. Beim Erlernen einen weiteren Kampfkunst ist es natürlich sehr wichtig, dass man diese nicht am Taijiquan “vorbeilernt”, denn positive Effekte eines Lerntransfers entstehen nicht automatisch. Es macht wenig Sinn, durch das Üben der Formen die Taiji-Prinzipien zu erlernen, aber bei Anwendungstechniken zu lernen, wie es auch ohne die Prinzipien geht. Für fortgeschrittene Praktiker, die gelernt haben, mit Paradoxien umzugehen, und diese zu nutzen wissen, ist es jedoch besonders interessant, sich mehr und mehr in Anwendungsideen hineinzuarbeiten, die sich in ihrer äußerlichen Form von den Taijifiguren stark unterscheiden, in denen man die Taiji-Prinzipien aber dennoch entdecken, anwenden und zum Leben erwecken kann. Wer Taijiquan in seiner ganzen Tiefe und mit einem breiten Anwendungsspektrum erlernen will, kommt meiner Einschätzung nach nicht darum herum, sich viele verschiedene Anwendungsideen selbst zu erarbeiten. Dabei sollten sowohl Ideen dabei sein, die sich nah an der Form befinden, wie auch Ideen, die äußerlich ganz anders aussehen, in denen man aber dennoch die Wirkungsweise der Prinzipien wiederentdecken kann. Die nähere Betrachtung der drei Taiji-Versionen hat gezeigt, dass kein Übender einer dieser Versionen beanspruchen kann, das “einzig wahre” Taijiquan zu vertreten. Jede der drei Versionen weist bei isolierter Betrachtung Verwässerungserscheinungen und problematische Aspekte in einer anderen Qualität auf. Aufgrund der paradoxen Natur des geistigen Taiji-Prinzips im Sinne einer Dialektik müssen sich diese Taiji-Versionen gegenseitig ergänzen und bilden erst in diesem Zusammenspiel eine Übungsmethodik, die sowohl geistige Tiefe enthält, wie auch zu wirklich effektiven Kampf- und Selbstverteidigungsfähigkeiten führt. Viele Taiji-Übende würden bei der Frage, entsprechend welcher der drei Versionen sie üben würden, wahrscheinlich tatsächlich sagen, dass sie sich irgendwo dazwischen befänden, weil sie jeden der drei Ansätze ganz interessant fänden, oder sie es vermeiden wollten, zu sehr in die Extreme zu gehen. Eine Taiji-Version im Bereich dazwischen kann allerdings sehr schnell zu einer Integrationsform werden, in der sich die Schwächen und nicht die Stärken jedes der drei Ansätze sammeln und zusammenaddieren. Eine derartige Übungspraxis hätte eine mittelmäßig ausgebildete Standfestigkeit zur Folge, die für realistische Anwendungen nicht ausreicht, eine Sensibilität, die für spezielle Anwendungen, mit minimaler Kraft große Effekte zu erzielen, nicht ausreicht, sowie oberflächliche Kenntnisse von ein paar Bewegungen, bei denen man nicht weiß, ob es Techniken oder Prinzipien sind. Leider ist dieses Phänomen sowohl in Europa wie auch in Asien und anderen Kontinenten nicht allzu selten anzutreffen. Dies kann z.B. dann passieren, wenn eine Taiji-Form weniger abstrakt, aber dafür mehr anwendungsorientiert interpretiert wird, und Praktiker dann glauben, die Anwendungen nicht mehr einzeln trainieren zu müssen, sondern intuitiv erfassen zu können. Wenn eine solche Form zudem in Richtung Ästhetik und Vorführbarkeit gestyled wurde, oder zusätzlich noch Eigenschaften oder Figuren anderer Stile beinhaltet (wie dies in Mischsystemen manchmal der Fall ist), bedeutet dies zwangsläufig eine Entfernung von sämtlichen Trainingszielen gemäß jeder der drei oben beschriebenen Taiji-Versionen. Dies kann nicht der Weg des Taiji sein. Eine wirkungsvolle Methode der Integration der drei Versionen muss daher Übungen hervorbringen, in der die Qualitäten der einzelnen Versionen nicht in die Richtung der Mitte abgeschwächt werden, sondern der Übende sollte zunächst jede dieser Versionen getrennt oder parallel (aber auf jeden Fall unabhängig voneinander) erlernen, bevor sie in einer späteren Übungsmethodik zusammenwachsen können. Die Qualität der Integration hängt entscheidend davon ab, ob man jede der drei Taiji-Versionen in klarer Ausprägung übt oder auch ins Extrem hinein treibt, und erst danach miteinander verbindet. Aus diesen Gründen kann man es durchaus als ein bedeutendes Qualitätsmerkmal eines Taiji-Stil betrachten, ein Formenrepertoire zusammen mit einer Übungsmethodik zu bieten, die man in Richtung jeder der drei Taiji-Versionen interpretieren und verändern kann. Eine Taiji-Form kann dann nach Bedarf hinsichtlich ihrer sichtbaren Eigenschaften verändert werden, wie auch hinsichtlich nicht oder kaum sichtbarer Eigenschaften, wie z.B. der gewählte Muskeltonus, die bei den Figuren vorgestellte Absicht, oder Aspekte des Energieflusses. Eine derartige Dynamik in der Übungsmethodik, die sich in einem Kraftfeld zwischen den vier Polen Standfestigkeit, Kraftvermeidung, Prinzip und Technik entfaltet, kann dann in sehr schöner Weise durch das Yin-Yang-Symbol veranschaulicht werden, in dem man Yin und Yang dann als paradoxe Gegenparts in einem komplexen Zusammenspiel erkennen kann.
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