Einführung

Wie schon in der Einleitung angedeutet, werden Kampfkunststile im allgemeinen und die aus der chinesischen Tradition im speziellen in zwei Gruppen eingeteilt, in die Stile der inneren Schule (Neijia) und die der äußeren Schule (Waijia). Die innere Schule umfaßt dabei eine geringere Anzahl von Stilen, sowie einen einzigen bestimmten Stil, der in deutlichster Form zeigt, was einen inneren Stil ausmacht. Dieser Stil ist das Taijiquan. Durch diese auch entstehungsgeschichtlich bedingte zahlenmäßig ungleiche Zuordnung von Stilen zur Neijia- und Waijia-Gruppe ist es quasi eine Besonderheit, wenn ein Stil die Zuordnung zur inneren Familie (jia chinesisch = Haus, Familie, Schule) erlangt, während die Zugehörigkeit zur Waijia-Gruppe sich als natürliche Konsequenz ergibt, wenn ein Stil den Anforderungen an einen Neijia-Stil nicht genügt. Aus diesem Grund werden daher auch beinahe alle Kampfkunststile nicht chinesischen Ursprungs der Waijia-Gruppe zugeordnet.

Historisch hat es sich so ergeben, dass der Neijia-Gruppe drei Stile als ihre wichtigsten Vertreter zugeordnet wurden. Neben Taijiquan sind dies, wie schon erwähnt, Xingyiquan und Baguazhang. Leider ist mir nicht genau bekannt, zu welcher Zeit sich der Begriff “Neijia” etablierte, und unter welchen Umständen die Zuordnung dieser drei Stile zu diesem Begriff geschah. Die längste Geschichte dieser drei Stile besitzt das Xingyiquan, die mehrere Jahrhunderte zurückverfolgbar ist. Ich halte es jedoch für wesentlich wahrscheinlicher, dass der Begriff “Neijia” erst dann seine heutige Verwendung als Oberbegriff für diese drei und weitere Stile erhielt, als sich zum einen das Taijiquan von einem geheim gehaltenen Familienstil zu einem öffentlich bekannten Stil wandelte, und zum anderen das Baguazhang größere Bekanntheit erlangte. Diese Entwicklung fand zeit- und ortsgleich zur Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert in Peking statt. Größere Bekanntheit erlangten dort in dieser Zeit der Yang-Stil des Taijiquan sowie der Cheng-Stil des Baguazhang. Weil der Stilgründer des Baguazhang, Dong Hai Chuan erst in den letzten Jahren seines Lebens, also gegen Ende des 19. Jahrhunderts, das Baguazhang einer größeren Anzahl von Schülern zugänglich machte, die alle bereits erfahrene Praktiker anderer Stile gewesen sind, unter anderem auch Meister des Xingyiquan, sind auch Einflüsse des Xingyiquan in diese Substile des Baguazhang zu erkennen.

Vermutlich hat ungefähr seit Anfang des 20. Jahrhunderts seit der Etablierung des Begriffes “Neijia” für diese drei Stile eine gegenseitige Beeinflussung, Inspiration und Angleichung der drei Stile stattgefunden. Dabei hat wahrscheinlich Sun Lu Tang eine wichtige Rolle gespielt, der alle drei Stile praktiziert und auch Bücher darüber veröffentlicht hat. Ich denke jedoch, dass man die Entwicklung dieser drei Stile nicht ohne Berücksichtigung der längeren historischen Entwicklung der chinesischen Kampfkünste einerseits und der zeitgeschichtlichen kulturellen und politischen Entwicklung andererseits betrachten sollte. Zur historischen Entwicklung ist zu sagen, dass die Ideen und Methoden der Arbeit mit Qi, die früher nicht als Qigong sondern als NeiGong (innere Arbeit) bezeichnet wurden, wesentlich älter sind als die ca. 250 Jahre zurückverfolgbare Geschichte des Taijiquan, und bereits seit hunderten von Jahren davor Bestandteil der chinesischen Kultur und der historischen Kampfkunststile gewesen sind. Man sollte daher die Entwicklung eines inneren Stiles wie des Taijiquan weniger als vollständige Neuerfindung von etwas betrachten, was es vorher nicht gab, sondern vielmehr als etwas, was es in der Kampfkunsttradition schon lange vorher gab, allerdings nicht in dieser stark spezialisierten Form getrennt von den Methoden, Formen und Stilen, die jetzt als Waijia bezeichnet werden.

Der kulturelle Wandel in den letzten 100 bis 150 zurückliegenden Jahren hat sich meiner Einschätzung nach ebenfalls auf die Entwicklung und Veränderung von Kampfkunststilen ausgewirkt. Der zunehmende Einfluss westlicher Kultur und die damit verbundene erhöhte Mobilität sowie technische Kommunikations- und Dokumentationsmöglichkeiten haben mit großer Wahrscheinlichkeit dazu beigetragen, dass es zu einer zunehmenden Ausdifferenzierung von vorher ähnlicheren Stilen gekommen ist, und diese Ausdifferenzierung hat es in natürlicher Weise mit sich gebracht, dass in verschiedenen Stilen, egal ob Waijia oder Neijia, bestimmte Elemente stark in den Vordergrund gerückt wurden, während gleichzeitig zu diesen “Markenzeichen” unpassende Eigenschaften in den Hintergrund gedrängt oder ausgemustert wurden. In einer Phase der zunehmenden Spezialisierung und Ausdifferenzierung ist es jedoch normal, dass es auch zu Beeinflussungen und Angleichungen als Gegenbewegung kommt, damit in den immer komplizierter und undurchschaubarer werdenden Erscheinungsformen wieder mehr Ordnung zu erkennen ist. So kann auch eine entwicklungsgeschichtliche Ausdifferenzierung von Stilen in die Waijia- und Neijia-Gruppe von einer Angleichung der Stile innerhalb dieser Gruppe begleitet sind. Wenn ich mir die heutzutage vorhandene Variationen der Substile des Taijiquan, des Xingyiquan und des Baguazhang anschaue, komme ich zu dem Schluß, dass von diesen Ausdifferenzierungs- und Angleichungsprozessen verschiedene Substile in deutlich unterschiedlichem Maße betroffen wurden, und diese Substile unterschiedliche Wege gegangen sind. Und nicht zuletzt sind diese Veränderungsprozesse bei der Anpassung der Stile an die heutigen Bedürfnisse und Möglichkeiten der Menschen und beim Import in den westlichen Kulturkreis noch lange nicht abgeschlossen.

Was ist Neijia?

Was sind nun die wesentlichen Elemente und Kennzeichnen, die es rechtfertigen, einen Stil der Neijia-Gruppe zuzuordnen? Bevor ich auf die Trainingsmethoden und Trainingsziele in den verschiedenen Neijia-Stilen eingehe, geht es mir darum, die Problematik der genaueren Definition dessen, was einen Neijia-Stil ausmacht, zu verdeutlichen. Aufgrund vieler unterschiedlicher Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten, bleibt es im Konkurrenzkampf der Stile untereinander nicht aus, dass Vertreter eines Stiles die “wahre” Neijia-Zugehörigkeit anderen Stilen und Vertretern gerne absprechen, und vornehmlich sich selbst ein tieferes Verständnis der wirklich wichtigen Aspekte zusprechen. Häufig wird dabei die Tiefe dieses korrekten Verständnisses mit der Selbstverteidigungs- und Kampftauglichkeit des Stiles bzw. des Trainierenden in Verbindung gebracht.

Es geht mir an dieser Stelle nicht darum, eine weitere und “noch bessere” Definition von Neijia zu bieten, um damit vorhandene oder eingebildete Überlegenheiten von Stilen und Praktikern noch genauer begründen zu können, sondern ich möchte dem Leser eine Denkweise und Analysemöglichkeit vermitteln, unterschiedliche Betrachtungsweisen, die implizit bei der Verwendung des Begriffes “Neijia” bei verschiedenen Leuten mitschwingen, zu erkennen, und zu anderen, gleichwertigen Betrachtungsweisen, die ebenfalls möglich sind, in Beziehung zu setzen. Den Sinn dieser Angelegenheit sehe ich darin, zu erkennen, dass nicht die Neijia-Zugehörigkeit oder die spezielle Neijia-Definition ein Qualitätskriterium eines Stiles oder eines Praktikers ist, sondern dass sich die Qualität aus dem Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Faktoren ergibt. Welche dieser Faktoren man dann als typisch Neijia betrachtet, ist eine zweitrangige Angelegenheit.

Bei Definitionen oder Begriffserläuterungen gibt es immer die Möglichkeit einer möglichst weiten und einer möglichst engen Definition. Eine weite, umfassende Definition würde sich beispielsweise ergeben, wenn man alle Eigenschaften, die man in sämtlichen Unterstilen des Taijiquan, des Xingyiquan und des Baguazhang findet, zusammen in einen Topf wirft, und einen Stil dann als Neijia klassifiziert, wenn er eine nur genügend große, evtl. sogar eine relativ kleine Anzahl davon aufweist. Eine Definition wird umso enger, je mehr man einzelne Eigenschaften als besonders wichtig kennzeichnet, und das Fehlen dieser wichtigen Eigenschaften würde es dann verbieten, einen Stil der Neijia-Gruppe zuzuordnen. Man kann dabei die Definition soweit verengen, das z.B. nur noch ein einziger Substil, z.B. XY-Stil-Taijiquan, den Anforderungen genügen kann, während alle anderen Stile und Substile dann doch eher zum Waijia gehören, weil sie den Anforderungen nicht entsprechen, unabhängig davon, ob sie historisch und im allgemeinen Sprachgebrauch dennoch dazu gezählt werden.

Davon teilweise unabhängig kann man in der eigenen Verwendung den Begriffsgebrauch präzisieren und in gewissem Maße verändern, oder man kann sich bemühen, dabei möglichst der kulturell etablierten Form der Verwendung des Begriffes treu zu bleiben, auch wenn es dabei Ungenauigkeiten und Fallen für Missverständnisse und fehlerhafte Argumentationen gibt. Man kann dabei zu der Einsicht bzw. Meinung gelangen, dass es eigentlich bestimmte, spezielle Eigenschaften sind, die für einen Neijia-Stil von besonderer Bedeutung sind, damit er als Kampfkunstsystem funktioniert. Viele Eigenschaften, die bei der (vielleicht oberflächlichen) historisch etablierten Weise der Betrachtung als Neijia-Merkmale erscheinen, wären dann doch nur äußere Merkmale (also “eigentlich” dem Waijia zuzuschreiben), die auch verändert werden können, ohne dass diese speziellen Neijia-Eigenschaften darunter leiden. Mit einer solchen Definition wäre es möglich, einen Stil als Neijia zu klassifizieren, der durch das Vorhandensein der speziellen Eigenschaften ein besonders “guter” Neijia-Stil ist, der bei einer oberflächlichen Betrachtung jedoch gar nicht als Neijia zu erkennen ist, weil er sich in den unwichtigen Kriterien von den Stilen, die historisch bedingt dazu gezählt werden, unterscheidet.

Wiederum davon unabhängig kann man eine offene oder geschlossene Form der Definition wählen. Eine geschlossene Form der Definition wäre, dass man z.B. sagen könnte, dass Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang einschließlich aller Substile Neijia-Stile seien, und andere Stile per definitionem nicht; oder man könnte eine bestimmte Liste von Eigenschaften und Anforderungen stellen, und nur, wenn ein Stil alle diese Anforderungen erfüllt, darf er als Neijia bezeichnet werden. Eine offene Definition, die sich ausschließlich an der historisch bedingten Klassifikation orientiert, könnte so formuliert sein, dass sie weitere Stile dann in die Neijia-Gruppe mit aufnimmt, wenn so ein Stil eine größere Bekanntheit erlangt hat, und dann im allgemeinen (d.h. in der kampfkunstinteressierten Öffentlichkeit) zu den Neijia-Stilen zugerechnet wird. Eine offene Definition, die sich an Eigenschaften orientiert, könnte es erlauben, dass es unterschiedliche Gruppen von Eigenschaften sind, die es einem Stil erlauben, sich “Neijia” nennen zu dürfen. Verschiedene Stile können dann aus verschiedenen Gründen den “Neijia”-Anforderungen genügen, so dass sie dadurch auch in ihrem ganzen Charakter sehr unterschiedlich sein können.

Diese Problematik der Verwendung des Begriffes, die sich zwischen der naturbedingt sehr schwammigen, historisch bedingten Verwendung des Begriffes und der Notwendig einer Präzisierung im Rahmen der einzelnen Stile, die dann je nach Stil in unterschiedliche Richtungen gehen kann, aufspannt, erlaubt keine einfache Lösung. Zudem ist eine derartige Problematik der Begriffsbestimmung und -nutzung nichts Besonderes und kann bei fast allen komplexeren Begriffen und Themenbereichen angetroffen werden. Wenn man versucht, eine sehr heterogene Gruppe von Kampfkünsten mit unterschiedlichen Merkmalskombinationen und -schwerpunkten in ein nur zwei Klassen umfassendes Ordnungsschema (hier Neijia und Waijia) einzuordnen, ist es vorprogrammiert, dass man bei einer zu engen Definition zu Unrecht Kampfkünste nicht als Neijia einordnet, während eine zu weite Definition zu vielen Stilen erlauben würde, sich zur Neijia-Gruppe zu zählen. Angemessener kann es sein, wenn man es zum einen ermöglicht, das Merkmal Neijia-Waijia als kontinuierliche Dimension zu betrachten, und zum anderen, indem man es erlaubt, inhaltlich verschiedene Aspekte auf mehreren Dimensionen anzuordnen. Für diese Auswege aus dem Begriffsdilemma möchte ich an dieser Stelle Vorschläge machen.

Unterscheidungskriterien

Die Kriterien, anhand derer Neijia-Stile von Waijia-Stilen unterschieden werden, betreffen unterschiedliche Aspekte der einzuordnenden Kampfkunststile. Sie betreffen die äußere Form der Übungen und Formen, den Einsatz und die Ausbildung von Muskulaturformen hinsichtlich der Krafterzeugung, die Ausrichtung der Körperstruktur hinsichtlich mechanischer Aspekte, den Einsatz von Energie (Qi) und Energiezentren im Körper (z.B. Dantian), geistige Aspekte wie die Fokussierung der Aufmerksamkeit und den Einsatz von (bildlichen und abstrakten) Vorstellungen, Aspekte der Wirksamkeit der Übungen als Training für Selbstverteidigungs- und Kampffähigkeiten, mentale und strategische Aspekte in SV- und Kampfsituationen, sowie die jeweiligen umfassenden Konzepte eines Stils für den Sinn des längerfristigen Trainings und seiner Ziele (z.B. Gesundheitspflege und spirituelle Entwicklung).

Diejenigen Unterschiede, die bei Erläuterungen von Neijia und Waijia meistens als erstes genannt werden, betreffen den Einsatz von gezielt beabsichtigter Muskelkraft und der unterschiedlichen Bevorzugung von weichen oder harten Bewegungen. Dies geht in den Beschreibungen meistens einher mit der Bevorzugung von Muskelkraft-gestützten, situationsorientierten Techniken, die den Waijia-Stilen zugeschrieben wird, und der Bevorzugung von Prinzipien-orientiertem, intuitivem und der Erhaltung der Körperstrukur dienendem Verhalten, die den Neijia-Stilen zugeschrieben wird. Der Verzicht auf Muskelkraft wird meistens mit dem Einsatz von Qi begründet. Häufig wird davon ausgegangen, dass man sich quasi zwischen Qi und Muskelkraft entscheiden müsse, also dort, wo Muskelkraft sei, da sei kein Qi, und dort, wo Qi sei, sei keine Muskelkraft. Diese Annahme begründet dann eine sehr starke Polemisierung zwischen Neijia-Stilen einerseits und Waijia-Stilen andererseits, so dass es demnach nicht erlaubt oder möglich sei, Techniken und Prinzipien zu verbinden, Muskelkraft und Qi gleichzeitig einzusetzen, oder die Beschreibungsdimension Neijia-Waijia als Kontinuum zu begreifen. Eine derartige oder ähnliche Darstellung der Sachverhalte habe ich am häufigsten bei Praktikern des Yang-Stil-Taijiquan angetroffen. Meistens wird dabei sehr viel Wert auf weiche und flüssige Bewegungen gelegt, und die Selbstverteidigungslehre orientiert sich hauptsächlich am Lü-Prinzip des Taijiquan, also dem Prinzip des Ausweichens und Ableitens (Anmerkung: “Lü” bedeutet eigentlich “Ziehen”, in den TuiShou-Routinen entspricht die Lü-Phase jedoch der Phase des Eindrehens des Oberkörpers, in der man der einwirkenden Kraft des Partners ausweicht, in dem man sie seitlich “wegzieht” und dadurch ableitet).

Wenn man sich jedoch eine Reihe von Neijia- und Waijia-Stilen (hier ausgehend von einem weitgefassten Neijia-Begriff) anschaut, stellt man fest, dass diese ausgeprägte Gegensätzlichkeit in der Realität nicht existiert. Es gibt sowohl innere Stile, in denen der Einsatz von Muskelkraft in unterschiedlichem Maße und in unterschiedlichen Qualitäten vorkommt, wie auch äußere Stile, die sich bei der Funktionalität ihrer Techniken stark an weichen Bewegungen orientieren. Den Einsatz von ausgeprägterer Muskelkraft bei inneren Stilen findet man beispielsweise im Xingyiquan und im Baguazhang; und äußere Stile, in denen viel Wert auf Weichheit und Flüssigkeit in den Bewegungen gelegt wird, wären z.B. Aikido oder Ninjutsu, die allerdings aus der japanischen Tradition stammen. Auch Energie-Arbeit und die Entwicklung und Stärkung des Dantian werden in vielen Waijia-Stilen als wichtig und vorteilhaft erachtet. Weil eine eindeutige Unterscheidung von Neijia- und Waijia-Stilen mittels der Kriterien “hart und weich” sowie “Muskelkraft versus Qi” nicht möglich zu sein scheint, habe ich sowohl von Neijia-Definitionen gehört, in denen z.B. Aikido zu den inneren Stilen gezählt wird, wie auch Behauptungen, nach denen Baguazhang oder Xingyiquan “eigentlich” nicht, oder “nicht richtig” dazugehören würden.

Hinsichtlich der theoretischen Analyse dieser polemisierenden Betrachtungsweise muss man feststellen, dass wir als Menschen nicht nur in der Lage sind, Muskeln oder Muskelgruppen gänzlich anzuspannen oder locker zu lassen, sondern dass wir die Muskelspannung sehr sensibel auf einem Kontinuum von “ganz schlaff” bis hin zu “ganz hart angespannt” variieren können. Außerdem kann man Muskelaktivitäten auf unterschiedliche Art und Weise beabsichtigen, z.B. indem man Muskelanspannung gezielt erzeugt und diese Anspannung beabsichtigt, oder indem man eine andere Intention vorlagert (z.B. “Arm verdrehen”) und die sich ergebende Muskelspannung dabei zuläßt, ohne sie gezielt zu fördern. Egal, ob man sich bei der Selbstverteidigung an Prinzipien oder an Techniken orientiert, in verschiedenen Situationen werden sehr unterschiedliche Grade der Muskelan- oder -entspannung nützlich oder notwendig sein. Zudem ist die Annahme, dass Muskelanspannung und der Einsatz von Qi sich gegenseitig behindern oder ausschließen, falsch oder zumindest sehr oberflächlich. Es ist zwar richtig, dass sehr starke Muskelanspannung die Sensibilität hinsichtlich des Hineinspürens in die betreffenden Körperteile (z.B. Arme) herabsetzt, und das Qi dort nicht mehr frei fließt, aber andererseits ist gerade vollkommene Schlaffheit ein typisches Zeichen für starke Energieblockaden und ein stark abgesunkenes Energieniveau. Grundsätzlich gilt, dass dort, wo ein Muskeltonus vorhanden ist, auch Qi vorhanden ist, und ein ausgeprägter, gleichmäßiger Muskeltonus ist Ausdruck eines gesunden “Qi-Levels”. In vielen Kampfkünsten wird aus diesem Grund eine Harmonisierung und Synchronisierung von Qi-Fluß und Muskeleinsatz angestrebt.

Manche Praktiker der Neijia-Künste vertreten die Ansicht, dass es nur bei gänzlich geöffneten Energiekanälen zur Ausbildung einer besonderen Form von Muskulatur kommt, die dann für die inneren Stile kennzeichnend ist. Aus diesem Grund werden weiche und fließende Bewegungen bevorzugt, die die Meridiane geöffnet halten und die Energie fließen lassen. Damit sich Muskulatur ausbildet, ist jedoch stets eine gewisse Stimulierung notwendig, die bei ausschließlich weichem Üben weitgehend ausbleibt. Es gibt verschiedene Ansätze, dennoch die notwendige Reizung der Muskeln und einen langfristigen Effekt zu erreichen. Dazu gehören verschiedene Arten von Stehübungen, äußerst langsame Bewegungen, die nicht mehr als weich und fließend bezeichnet werden können, eine Erhöhung des Muskeltonus, jedoch nicht so hoch, dass es zu massiven Energieblockaden kommt, wiederholtes Praktizieren derselben Übungen über einen sehr langen Zeitraum sowie das häufige Praktizieren von Explosionstechniken (meistens als “Fa Jin” oder als “Fa Li” bezeichnet). In verschiedenen Neijia-Stilen werden diese Methoden mit unterschiedlichen Schwerpunkten und in unterschiedlichen Kombinationen eingesetzt. Es ist auch fraglich, ob es wirklich nur eine einzige Form von “Neijia-Muskulatur” gibt, wenn sie mit unterschiedlichen Methoden für unterschiedliche Formen der Anwendung ausgebildet wurde. Die wichtigste gemeinsame Eigenschaft auch bei unterschiedlich trainierten Muskeln ist hierbei die im Vordergrund stehende Anpassungsfähigkeit gegenüber der Entwicklung von maximaler Kraft in festgelegte Richtungen wie bei “typischer” Waijia-Muskulatur.

Auch wenn heutzutage sehr viele Waijia-Stile mit der gleichzeitigen Praxis von Körperkräftigungsmethoden wie z.B. Gewichtstraining ausgeübt werden, die zu starken Energieblockaden führen, halte ich es für möglich und wahrscheinlich, dass auch in diesen Stilen in der länger zurückliegenden Vergangenheit mehr Wert auf die energetische Öffnung der Leitbahnen und auf die Ausbildung einer Muskulaturform gelegt wurde, die heutzutage meistens ausschließlich den Neijia-Stilen zugesprochen wird. Bei vielen Waijia-Stilen lassen sich die Trainingsmethoden ohne große Probleme so verändern, dass sie viele Anforderungen für ein Neijia-Training erfüllen. Dies betrifft auch die bekannten “sechs Harmonien” (chin. “liu he”), die zwar ein sehr einleuchtendes, aber auch sehr flexibles Konzept darstellen, welches letztendlich an jede Bewegung angepasst werden kann. Der Charakter der SV-Anwendungen und Kampftechniken kann bei einer Anpassung der Trainingsmethoden von Waijia-Stilen an Neijia-Regeln vollständig erhalten bleiben und muss nicht in Richtung ““weich und nachgiebig” oder ähnlicher Eigenschaften verändert werden.

Die Zuordnung von Stilen zur inneren Familie anhand von einzelnen Übungsmethoden gestaltet sich vor allem deswegen schwierig, weil sowohl Neijia-typische Aspekte bei Übungsmethoden in Waijia-Stilen wie auch manchmal in Teilaspekten Waijia-typische Methoden in Neijia-Stilen auftauchen können. Manche Übungen können sich auch in einem Grenzbereich befinden, so dass verschiedene Praktiker sie sehr unterschiedlich einschätzen und zuordnen würden.

Bei der Betrachtung der konkreten Übungen eines Praktikers beim Praktizieren läßt es sich in der Regel wesentlich einfacher und meistens eindeutig entscheiden, ob es sich um Waijia- oder um Neijia-Methoden handelt. Hierbei sind jedoch normalerweise die Trainingsregeln und das Trainingsziel einfacher und eindeutiger zu beschreiben als allgemein bei Kampfkunststilen, die fast immer in unterschiedlicher Weise interpretiert und praktiziert werden können. Bei vielen Stilen, die gewöhnlich dem Waijia zugeordnet werden, besteht die Möglichkeit und häufig auch die Vorgabe, auf hohem Niveau viele wichtige Neijia-Aspekte und Merkmale zu realisieren, und sie damit auf Neijia-Niveau zu hieven. Andererseits können auch Neijia-Stile in einer Weise praktiziert werden, in der wichtige Aspekte nur unzureichend realisiert werden, so dass man diese Art zu praktizieren eigentlich als Waijia bezeichnen müsste.

Die Dimension des Bewußtseins

Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass eine erschöpfende Beschreibung des Phänomens Neijia-Waijia mittels einer Anordnung der Stile auf einer einzigen Dimension wie z.B. “weich-hart” nicht ausreichend ist. Eine nähere Betrachtung verschiedener Stile hinsichtlich ihrer Weichheit führt zu der Beobachtung, das die Kampf- und SV-Tauglichkeit bei sehr starker Orientierung an Weichheit und Nachgiebigkeit eher zu wünschen übrig läßt, und sich solche Systeme weit besser als Meditations- und Gesundheitsübungen einsetzen lassen. Alle hier erwähnten Gegensatzpaare wie “weich und hart”, “innen und außen”, “Prinzip oder Technik” kann man als Aspekte des Taiji-Prinzips Yin und Yang begreifen. Das, was gemäß der daoistischen Philosophie die fundamentalen Gegenpole Yin und Yang umfaßt und vereint, ist der Geist oder das Bewußtsein, welches in ausreichend entleertem, befreitem oder formlosen Zustand in der Lage ist, die paradoxen Aspekte miteinander in Verbindung zu bringen, und die Gegensätze zu einem umfassenderen Größeren zu vereinen. Aus diesem Grund gehört die Ausbildung eines solchen Bewußtseins und die Schulung des Geistes zu einem zentralen Anliegen einer jeden inneren Kampfkunst, aber auch zu wichtigen Aspekten vieler äußerer Stile (entsprechend der historischen Klassifikation). Es bietet sich an dieser Stelle an, die Bedeutung der Bewußtseinsentwicklung und Geistesschulung als neue Dimension einzuführen, die von der Dimension der Weichheit unabhängig ist. Wenn man an der Anordnung der Stile auf einem Neijia-Waijia-Kontinuum interessiert ist, ließe sich hier in pauschaler Form die Formulierung “je weicher, umso mehr Neijia”, durch “je mehr Bewußtseinsschulung, umso mehr Neijia” ersetzen. Ich möchte aber an dieser Stelle sofort darauf hinweisen, dass ich diese Herangehensweise nicht für eine ausreichende Lösung aus dem oben erläuterten Begriffsdilemma “Neijia-Waijia” halte. Zum einen wird auch diese Formulierung der historisch entstandenen Zuordnung von Stilen nicht gerecht, und steht damit im Widerspruch zur einer häufigen Art der Verwendung des Begriffes “Neijia”, und zum anderen wird die Beziehung der Dimension “Bewußtseinsschulung” zur Dimension “Weichheit” dabei nicht mit einbezogen. Wie ich weiter aufzeigen werde, unterscheiden sich die verschiedenen Neijia-Stile in den Methoden und zugrundeliegenden Gesamtkonzepten, wie sich Geist und Bewußtsein in Laufe des Trainings entwickeln sollen, so dass beide Dimensionen “Weichheit” und “Bewußtsein” nur als Hilfsdimensionen bei der Beschreibung der eigentlichen zugrundeliegenden Gesamtkonzepte der verschiedenen Stile und Substile anzusehen sind. Nicht zuletzt suggeriert eine Betrachtung in Dimensionen häufig eine Einordnung in “besser” oder “schlechter”, die sich beim Vergleich der Gesamtkonzepte in der Regel als nicht angemessen erweisen wird.

Es ist an dieser Stelle notwendig, die hier eingeführte erklärende Dimension “Bewußtseinsschulung” näher zu erläutern. Während sich die “weich-hart”-Dimension als Kontinuum zwischen diesen recht deutlich erkennbaren Polen aufspannt, kann es bei der Bewußtseins- und Geistesschulung nicht um so eindeutig benennbare Faktoren gehen. Es ist dabei zu beachten, dass die Schulung des Geistes fast in jedem Stil ein elementarer Bestandteil einer Kampfkunstausbildung ist, sowohl in inneren wie auch in äußeren Stilen. Das Thema “Geist” bzw. “Bewußtsein” ist natürlich zu komplex, um es im Rahmen dieser Webseite auch nur annähernd erschöpfend zu behandeln, weil es mit einer großen Anzahl von Themen und Forschungsgebieten aus der westlichen Psychologie, der westlichen und fernöstlichen Philosophie, sowie den Lehren verschiedener spiritueller Traditionen in Verbindung steht. Mit Literatur zu diesen Themen kann man ganze Bibliotheken füllen. Um die hier relevanten Aspekte bezüglich der unterschiedlichen Konzepte für die Schulung von Bewußtsein zu erfassen, ist es nötig, sich in relativ allgemeiner Form auf die wichtigsten Teilbereiche zu konzentrieren. Diese Bereiche sind meines Erachtens die Methoden der Fokussierung der Aufmerksamkeit, die abstrakten Regeln der Informationsverarbeitung, sowie die konzeptionelle und hierarchische Ordnung der möglichen Intentionen. Ohne an dieser Stelle auf eventuell typische Unterschiede zwischen Neijia- und Waijia-Stilen (nach traditionellem Begriffsverständnis) einzugehen, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Ziele, Methoden und Leitlinien für die Kontrolle des Geistes bei Training und Übungen vorzugeben. Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung und Intentionen hängen in der Praxis untrennbar zusammen und beeinflussen sich stets wechselseitig. In jedem Kampfkunststil gibt es konkrete Vorgaben, in welcher Form und zu welchem Zweck diese Dynamik der Informationsverarbeitung eingesetzt wird, und in welcher Wechselbeziehung sie mit den konkreten Formen der Übungen stehen. Die geistigen und philosophischen Konzepte, die hinter diesen Vorgaben stehen, bewegen sich zwischen sehr konkreten und einfach und klar benennbaren Regeln und gänzlich abstrakten und nicht einfach zu verstehenden Konzepten. In den traditionellen Neijia-Stilen haben sie die Wurzeln bekanntermaßen im Taoismus, also der Lehre von WuJi, Taiji und Yin und Yang. Im Xingyiquan und Baguazhang wird diese Philosophie um die fünf Wandlungsphasen bzw. um die acht Trigramme des YiJing, dem Buch der Wandlungen, ergänzt, die man als weitere Ausdifferenzierung von Yin und Yang verstehen kann. Es reicht an dieser Stelle nicht aus, einfach nur zu verstehen, was Yin ist, und was Yang ist, im dem Sinne, dass Yin zusammenziehend, weich, zurückweichend etc. ist, während Yang ausdehnend, hart, vordringend etc. ist. Die geistigen und spirituellen Ziele daoistischer Praktiken liegen in einer speziellen und prinzipiell relativ einfach zu verstehenden Veränderung der Informationsverarbeitung, die als eine Vereinigung von Yin und Yang bezeichnet werden kann. Die Methode dieser veränderten Informationsverarbeitung besteht darin, dass man stets bemüht ist, mit seiner Aufmerksamkeit in meistens ruhiger und konzentrierter Weise an der Berührungslinie zwischen Yin und Yang zu bleiben. Im Yin-Yang-Symbol ist dies die S-förmige Linie zwischen den Yin-Yang-Fischen. Diese Fokussierung ist in der Praxis nur möglich, wenn man die abstrakten Begriffe Yin und Yang in jeder Situation in die jeweils wichtigen konkreten wahrnehmbaren und intentionalen Gegensätze übersetzen kann. In einfacher Form können dies Gegensätze wie z.B. “weich und hart” oder “langsam und schnell” sein, sehr komplexe Gegensätze wären z.B. “Kontrolle versus Loslassen” oder “äußere Reize auf sich einwirken lassen” versus “sich nicht davon beeinflussen lassen”. Manchmal handelt es sich bei den zu vereinenden Gegensätzen nicht um klare Gegenpole einer einzigen Dimension, sondern um mehrdimensionale Konglomerate mit jeweils verschiedenen widersprüchlichen Anforderungen. Teilweise gegenläufige Konzepte für Bewegungen in Kampfkunstformen wären z.B. “sich an der Stehenden Säule orientieren” versus “sich an der Anwendung orientieren”.

 Es reicht daher nicht aus, diese Methode der Konzentration und Informationsverarbeitung als Prinzip zu verstehen, und sich dann für erleuchtet zu halten, sondern es ist sehr viel Lernarbeit nötig, bis man die Schnittstellen vieler wichtiger Gegensatzpaare ausreichend erforscht und miteinander in Verbindung gebracht hat. Es reicht auch nicht aus, sich möglichst viele Gegensatzpaare auszudenken und sich die intellektuelle Vereinigung zum ideologischen Lebensziel oder zur Lebensaufgabe zu machen. Es ist nicht möglich, dieses Konzept nur durch intellektuelles Verständnis zu durchdringen, denn das Ziel eines derartigen Übungsprozesses im Rahmen einer Kampfkunst besteht darin, den Geist zunehmend fluider werden zu lassen, und sich damit absolut frei und anpassungsfähig in der jeder beliebigen Situation bewegen zu können. Es ist dabei wichtig, nicht häufiger als nötig an die Begriffe Yin und Yang zu denken, und sich im Leben und im Training die Situationen zu schaffen, in denen man die konkreten Gegensätze durch Selbsterfahrung und Verhaltenstraining zu meistern lernt.

Das Prinzip der Vereinigung von Gegensätzen in seiner Bedeutung für das menschliche Bewußtsein bzw. für die Fähigkeit des Menschen, sich selbst und die Welt zu erkennen und angemessen zu beschreiben, ist in der Philosophie von Hegel ausführlich unter der bekannten Bezeichnung “Dialektik” beschrieben. Entgegen landläufiger Meinung bezeichnet Dialektik nicht den relativ simplen Vorgang des Bildens von These, Antithese und Synthese im Sinne irgendeiner Idee, die mit These und Antithese kompatibel ist. Die Dialektik nach Hegel beschreibt einen Entwicklungszustand des Geistes, der damit autonom und unabhängig von äußeren Reizen und von in ihm selbst vorhandenen Inhalten agieren kann. Für das Erlernen einer inneren Kampfkunst ist es jedoch nicht nötig, philosophische Bücher zu lesen. Ein Verständnis der notwendigen geistigen Konzepte ist auch ohne Fachbegriffe möglich, und wegen der Notwendigkeit der Orientierung auf die Praxis und die sinnliche Erfahrung vielleicht sogar von Vorteil.

Sich mit der Aufmerksamkeit an der Schnittstelle eines Gegensatzpaares zu bewegen, ist keine immer eindeutig zu bestimmende Methode. Beispielsweise reicht es nicht aus, sich beim Gegensatzpaar “weich und hart” hinsichtlich des gewählten Muskeltonus einfach einen mittelmäßigen Tonus auszusuchen, den man dann für den “idealen” Kompromiss hält, um weder zu weich noch zu hart zu sein. Es geht z.B. auch darum, zu entdecken, welche Wirkung kleinere und größere Änderungen des Muskeltonus auf die Gesamtübung oder das Ziel der Bewegung haben. Diese Wirkungen können sich bei unterschiedlichen Muskeltoni als Ausgangspunkt deutlich unterscheiden. Auch die Extrembereiche der maximalen Anspannung und der maximalen Gelöstheit, die gerade noch wahrnehmbaren Unterschiede, der Grenzbereich, mit welcher Feinheit der Kontrolle noch sinnvoll gearbeitet werden kann, ohne dass zuviel Aufmerksamkeit aus anderen Bereichen abgezogen werden muss, oder die Automatisierung und Verinnerlichung solcher Vorgänge gehören zu den Lernzielen. Sehr wichtig dabei ist, dass man immer daran denkt, dass es nicht eine einzige Alternative oder optimale Lösung des Problems gibt, sondern dass es darum geht, jede mögliche Variation hinsichtlich ihrer Vor- und Nachteile und besonderen Bedingungen zu erforschen und kennenzulernen.

Grundsätzlich geht es darum, den Geist von der Anhaftung an einfach zu beschreibende Vorstellungen gänzlich zu befreien. Eine einfache Vorstellung wäre z.B. ein klar vorgeschriebener Muskeltonus innerhalb bestimmter Grenzen, oder die einfache proportionale Kopplung verschiedener Aspekte und Ideen miteinander, z.B. “je weicher umso besser”. Dazu ist zunächst eine stete, flexible und nicht starr fixierte Aufmerksamkeit nötig, aber zusätzlich müssen solche einfachen, aber oft unreflektierten Vorstellungen hinterfragt werden, und es müssen alternative Konzepte entwickelt und geübt werden, die keine unerwünschten, unbewußten Kopplungen und Einschränkungen enthalten. Es dürfte klar sein, dass dies letztendlich eine nie endende Aufgabe ist, die auch niemals in einer erlösenden Erleuchtung enden wird. Bei der Geistesschulung handelt es sich auf keinen Fall um eine rein kognitive “Aufgabe”, die mit intellektuellen Mitteln zu lösen wäre. Sie ist aus verschiedenen Gründen untrennbar mit der Energiearbeit, der Bewegungsschulung und allen anderen Aspekten und Zielen der Kampfkunstausbildung verbunden. So ist die Energiearbeit beispielsweise nötig, um das Dantian als energetisches Körperzentrum auszubilden, und damit einen Orientierungspunkt zur Verfügung zu stellen, und um dem Geist bzw. dem Gehirn selbst einen genügend großen Energieüberschuß für die anspruchsvolle Aufgabe zu liefern. Und die Vielfalt an Bewegungs- und Anwendungsmöglichkeiten liefert ein großes Übungsfeld, an dem der Geist wachsen kann, und dieser Geist kann dann in andere Bereiche des Lebens integriert werden.

Dieses Prinzip der Bewußtseinsschulung halte ich für einen absolut zentralen Aspekt bei den Stilen der inneren Schule. Die oben angesprochene Dimension der Bewußtseinsschulung würde dementsprechend darstellen, in welcher Tiefe in einem Kampfkunststil eine derartige Schulung möglich oder vorgesehen ist. Dabei ist zu bemerken, dass eine derartige Handhabung des Bewußtseins letztendlich vollkommen unabhängig von jeder äußeren Form jeglicher Übungsmethodik ist. Ein absolut flexibler Geist kann sich absolut allen äußeren Umständen anpassen, ohne dabei in Mitleidenschaft gezogen zu werden oder sein eigenes Funktionsprinzip aufgeben zu müssen. Obwohl es natürlich Übungsformen gibt, die mit einer derartigen Geistesschulung besser harmonieren als andere, und dies sind vornehmlich die Übungen der traditionellen Neijia-Stile, kann prinzipiell jeder Kampfkunststil, ohne in seiner äußeren Form verändert zu werden, mit einem derartig geschulten Geist betrieben und in seiner Effektivität optimiert werden. In didaktischer Hinsicht eignen sich die Neijia-Stile meiner Einschätzung nach besser zu einer daoistischen Bewußtseinsschulung als die meisten Waijia-Stile, und zwar deswegen, weil in der Übungsmethodik der Neijia-Stile gezielt und ausgiebig nach den Schnittstellen der Gegensätze gesucht werden kann und diese erforscht werden können. An dieser Stelle zeigt sich der funktionelle Zusammenhang zwischen den beiden Dimensionen “weich-hart” sowie “Bewußtseinsschulung”. Die äußeren Erscheinungsformen der Übungen der Neijia-Systeme unterscheiden sich von typischen Waijia-Formen neben den energetischen Aspekten auch aus dem Grund, weil sie als Instrument zur Bewußtseinsschulung besser geeignet sind, und nicht nur aus dem Grund, weil man derartige Bewegungen und Bewegungscharakteristika zwangsläufig für bessere Kampftechniken hält.

Sich der Formlosigkeit seines Geistes bewußt zu werden, hat nur sehr wenig mit dem intellektuellen Nachvollziehen von Argumenten zu tun, die die Formlosigkeit des Geistes als logisch oder natürlich erscheinen lassen. Ein kognitives Abbild der Formlosigkeit vermag diese nicht angemessen zu repräsentieren, weil dieses Abbild stets eine Form mit missverständlichen Eigenschaften wäre. Weil sich eine kognitive Abbildung jedoch kaum vermeiden oder dauerhaft unterdrücken läßt, erscheint mir die angemessenste Art und Weise, sie als einen (scheinbar) eigenschaftslosen Trivialaspekt zu begreifen und zu handhaben. Außerdem ist es notwendig, die subtilen Formen des Geistes (z.B. entsprechend der oben beschriebenen Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsschulung) und das Potenzial der geistigen Flexibiltät von der eigentlichen Formlosigkeit zu unterscheiden. Es sind die subtilen Formen und die Flexibilität, die mühsam geschult werden müssen. Die Formlosigkeit des Geistes selbst ist stets vorhanden, und kann und braucht nicht geschult werden. Die Schulung des Geistes im Sinne der inneren Stile bedeutet, zu verhindern, dass sich der Geist in Formen manifestiert, die eine unbewußte Beschränkung der Möglichkeiten mit sich bringen. Es geht um eine Methode der geistigen Selbstkontrolle, die das in uns wohnende Potenzial ganz oder zumindest in wesentlich größerem Maße ausschöpft.

Die Formen des Geistes

Wenn man sich nun vergegenwärtigt, dass die verschiedenen Neijia-Stile in ihren Bewegungsformen nicht nur mehr oder weniger stark abstrahierte oder idealisierte Kampf- und SV-Techniken darstellen, sondern diese Bewegungen der Erforschung der Gegensatzschnittstellen in den motorischen, energiemäßigen und anderen Aspekten dienen, dann folgt daraus, dass sich die Schulung des Geistes in den verschiedenen Stilen genauso unterscheidet, wie sich die äußere Form unterscheidet. Das abstrakte Prinzip der Vereinigung der Gegensätze ist zwar identisch, weil aber in der Praxis nur diejenigen Gegensätze relevant sind, die man auch praktisch erforscht hat, und dementsprechend in seine Kampf- und SV-Praxis integrieren kann, deswegen ist dieser gemeinsame geistige Anteil von eher geringer Bedeutung, in theoretischer Hinsicht geht die praktische Bedeutsamkeit der abstrakten Gemeinsamkeit gegen Null. Es ist erstaunlicherweise nicht möglich, aus dem gemeinsamen, identischen geistigen Prinzip eine Ähnlichkeit in der Realisierung der abstrakten Regeln abzuleiten. Eventuell vorhandene Ähnlichkeiten gibt es aus anderen Gründen, die Formen der Realisierung können aufgrund der absoluten Flexibilität und Formlosigkeit der abstrakten Ebene maximal unterschiedlich sein.

Man kann daraus folgern, dass den verschiedenen Neijia-Stilen unterschiedliche Konzepte (in Form von Ideen, Leitbildern, Zielsetzungen, bildlichen Vorstellungen bis in zu den auf den Körper ausgerichteten Trainingsmethoden etc.) hinsichtlich der Umsetzung des abstrakten Prinzips zugrundeliegen. Weil das abstrakte Prinzip jedoch identisch ist, halte ich es für unangemessen, eine Unterscheidung der “Neijia-Tiefe” für die einzelnen Stile einzuführen. Ich möchte dabei jedem Neijia-Stil auf seine Weise das gleiche Qualitätspotenzial bei der Realiserung des Geistprinzips für Kampfkunstanwendungen zugestehen, unabhängig von Kampf- und SV-Tauglichkeit der Bewegungen. Die korrekte Erforschung der Gegensätze sowie die korrekte Integration und Nutzbarmachung in der Anwendung ist immer in gleichem Maße möglich, auch wenn die Kampftechnik kaum wirkungsvoll ist. Bei dieser Betrachtungsweise verwandelt sich die Bewußtseinsdimension zur Charakterisierung der Neijia-Stile wieder in eine dichotome Klassifizierung, die es somit erlaubt, jeden Stil als “Neijia” einzuordnen, dem man eine akzeptable Methodik zur Ausbildung dieses daoistischen Bewußtseins zugesteht.

Anderer Stil, anderes Konzept

Die konkreten, geistigen Konzepte der Neijia-Stile (abgesehen von dem absolut abstrakten, nicht-konkreten und formlosen höchsten Prinzip) unterscheiden sich nicht nur wegen der unterschiedlichen Bewegungsformen, sondern auch durch die unterschiedlichen konkreten Vorgaben, wie man mit seinem Bewußtsein umgehen soll. Es gibt z.B. unterschiedliche Methoden der Aufmerksamkeitsfokussierung, der Anwendung von bildlichen Vorstellungen und der mentalen Haltung bei den Übungen und den Anwendungen. Dieses ergänzt sich mit unterschiedlichen Leitbildern bei der Arbeit und beim Einsatz von Qi sowie unterschiedliche Präferenzen bei der Ausbildung der Haltungsstruktur des Körpers. Man muss letztendlich realisieren, dass auf jeder konkreten Ebene wichtige Unterschiede zwischen den Neijia-Stilen vorhanden sind, während die gemeinsamen Elemente keine Ähnlichkeit in konkreten Formen oder konkreten Ideen bedingen, ganz einfach deswegen, weil es sich um extrem abstrakte Eigenschaften handelt,

Hinsichtlich der Diskussion über das Begriffs- und Definitionsdilemma sehe ich die dichotome Klassifizierung anhand des geistigen Aspektes der Formlosigkeit nicht als Ausweg an, unter anderem weil man anschließend mit einer Diskussion beginnen müßte, welche Trainingsmethodik entsprechend des jeweiligen Stilkonzeptes zur Ausbildung eines daoistischen Bewußtseins geeignet ist. Dafür kann man dann allerdings nur Merkmale der konkreten Form (z.B. runde Bewegungen) und der konkreten Umsetzung der unbegrenzten Möglichkeiten der Geistesschulung heranziehen (Konzentration auf Körperhaltung und Dantian etc.), so dass die ganze Diskussion wieder von vorne beginnen kann.

Es bleibt nur die Möglichkeit, die verschiedenen Konzepte und Bewegungsformen der Stile und Substile einer differenzierten Analyse zu unterziehen, und seine persönlichen Meinungen damit zu begründen. Dass derartige Analysen aus der Perspektive von Vertretern unterschiedlicher Stile unterschiedlich ausfallen können, und aus verschiedenen Gründen weite und enge Definitionen gewählt werden können, dürfte jedem einsichtig sein. Auf jeden Fall ist es möglich, für die Neijia-Stile, die historisch bedingt dazu gezählt werden, und das sind Taijiquan, Xingyiquan, Baguazhang und deren Substile, anhand der Bewußtseinsdimension die Neijia-Zugehörigkeit zu begründen. Jeder, der nach Gründen sucht, bestimmte Stile oder Substile aus der Neijia-Welt auszugrenzen (also die Definition auf “seinen” Stil gerichtet verengt), wird solche Gründe finden, er sollte dabei aber bedenken, dass man mit anderen Konzepten auch Gründe finden kann, jedem beliebigen anderen Stil oder Substil die Neijia-Zugehörigkeit ebenfalls oder stattdessen abzusprechen.