Mischsysteme - das moderne Umfeld

Das Thema Mischsysteme ist sehr vielschichtig und komplex, denn es gibt zwar einerseits unendlich viele Möglichkeiten, Prinzipien und Übungsmethoden aus etablierten Kampfkunststilen zu neuen Systemen zusammenzustellen, andererseits gibt es aber bereits eine dermaßen große Vielfalt an traditionellen und modernen Stilen aus unterschiedlichen Ländern und Kontinenten, so dass man sich fragen muss, ob an neuen Systemen überhaupt ein Bedarf besteht, und welche Bereiche im Sinne von Übungsmethoden, Bewegungsprinzipien und leitenden Konzepten durch die etablierten Stile noch nicht abgedeckt sind. Aufgrund dieser Vielfalt beschränke ich die Diskussion auf diesen Seiten hauptsächlich auf Systeme aus chinesischer Tradition mit dem Schwerpunkt auf den inneren Stilen Taijiquan und Baguazhang.

Bevor ich auf die Möglichkeiten und Probleme beim Entwickeln neuer Stile eingehe, möchte ich einen kurzen Blick auf die Welt der etablierten Systeme und Stile werfen. Sowohl bei inneren wie auch bei äußeren Stilen gibt es Systeme, die den Rang von Standardsystemen haben und beim Vergleich mit anderen Stilen häufig als Bezugspunkt herangezogen werden, und es gibt Systeme, die im positiven Fall als spezielle Exoten oder im negativen Fall als graue Mäuse eingeschätzt werden (allerdings ohne, dass dies inhaltlich gerechtfertigt sein müsste). Zudem besitzen die meisten Stile eine Art Markenzeichen, welches sie sehr schnell wiedererkennbar macht, und welches auch für das Konzept, das dem Stil zugrundeliegt, sehr wichtig ist. Beispiele für Markenzeichen wären u.a. die Rollen beim Aikido, die Spiralen und das Kreislaufen beim Baguazhang, die Kettenfauststöße und die nach innen gerichteten Zehen beim Wing Chun, die Greifhände beim TangLangQuan etc.. Systeme mit Standardcharakter bieten häufig ein breiteres Interpretationsspektrum und Möglichkeiten für den Praktizierenden, sich auf bestimmte Teilgebiete zu spezialisieren. Markenzeichen können für manche Systeme ein Problem darstellen. Einerseits dürfte es häufig dieses Markenzeichen sein, das dem Stil einen größeren öffentlichen Bekanntheitsgrad eingebracht hat, und dazu geführt hat, dass es über Generationen weiterentwickelt wurde, aber andererseits kann ein Markenzeichen im Laufe der Zeit auch eine Einengung und Veränderung des Konzeptes bewirken, weil sich viele Praktiker zu stark darauf konzentrieren und andere Merkmale in den Hintergrund treten. Man muss beim Betrachten der Landschaft der verbreiteten Stile jedoch wohl oder übel realisieren, dass ein Stil ohne Markenzeichen langfristig weniger Überlebenschancen zu haben scheint.

Jeder Stil hat sich aus Vorgänger-Stilen entwickelt und fast immer dürften auch Einflüsse aus anderen Stilen in das Konzept miteingeflossen sein. In der Vergangenheit ist so gut wie jeder Stil irgendwann einmal ein Mischsystem gewesen. Es ist daher ein natürlicher Prozess, wenn Stile weiterentwickelt werden, und wenn für neue Entwicklungen ab und zu neue Namen gefunden werden. Die heutige Zeit unterscheidet sich allerdings in verschiedener Hinsicht sehr deutlich von der Vergangenheit der zurückliegenden Jahrhunderte. Dabei sind vor allem drei Faktoren zu nennen. Der erste Faktor ist, dass es für die Beherrschung der traditionellen Kampfkünste nur noch selten wichtige Gründe gibt. Sowohl im militärischen Bereich wie auch bei der Polizei und bei verschiedenen Security-Diensten haben Schusswaffen und andere moderne Erfindungen (Kameraüberwachung, Gummischlagstöcke, Plexiglasschilde, Wasserwerfer etc.) die Methoden vergangener Jahrhunderte ersetzt, sowohl in China, wie auch in Europa und anderen Teilen der Welt. Auch als Privatperson ist man in der Öffentlichkeit selten ernsthaft bedroht, und im Falle eines Falles kommen auch hier leider häufig Waffen ins Spiel, gegen die man mit traditionellen Kampfkünsten nur wenig auszurichten vermag. Kampfkünste werden daher hauptsächlich als Hobby, zur Ertüchtigung, als Zeitvertreib oder zur persönlichen Weiterentwicklung betrieben, aber nicht aus der Notwendigketi angesichts realer Bedrohungen oder beruflicher Verpflichtungen. Dies verändert die Trainingsmotivation und die Merkmale eines Kampfkunstsystems werden anders eingeschätzt und wahrgenommen. Wenn man sich bewußt ist, dass es um das eigene Leben und die eigene Gesundheit geht, ist man viel eher bereit, wirklich hart zu trainieren, und Aspekte der Ästhetik der Bewegungen treten sehr stark in den Hintergrund. Drei wirkungsvolle, aber langweilig und mühsam zu trainierende Techniken sind dann wichtiger als zwanzig interessante Spezialtricks für Ausnahmesituationen. Bei Hobbykampfkünstlern und Lehrern hiesiger Trainingsgruppen ist es fast immer umgekehrt. (Anmerkung: Ich schließe mich selbst hierbei nicht gänzlich aus!)

Der zweite Faktor betrifft die Verfügbarkeit unterschiedlicher Stile. Zum einen gibt es heutzutage in jeder größeren modernen Stadt fast überall auf der Welt ein umfangreiches Angebot an Kampfkunststilen aus verschiedensten Teilen der Welt, und zum anderen kann man, wenn einem das nicht reicht, schnell in einen Flieger steigen und irgendwo auf der Welt einen anderen Stil lernen, den man vor der Haustür nicht findet.

Der dritte Faktor ist die zunehmende Standardisierung sowie die Festlegung der Stilidentität auf die äußere Form. Nicht zuletzt bedingt durch technische Dokumentationsmöglichkeiten, aber auch bedingt durch die Mentalität der Menschen aus dem Westen, wird mehr und mehr Wert darauf gelegt, dass Kampfkunststile als Zusammenstellung von Übungen systematisiert werden, und möglichst genau festgelegt werden soll, was dazugehört und was nicht (einschließlich Kleidung und Aufwärmübungen). Veränderungen und spontane Variationen sind häufig nicht erwünscht, oder sollen dann, wenn sie wichtig oder nicht vermeidbar sind, ebenfalls in ein ergänzendes Ordnungsschema eingebaut werden. Insbesondere Anfänger und noch nicht ganz so weit Fortgeschrittene legen beim Besuch von Seminaren (verständlicherweise) häufig Wert darauf, vom chinesischen Meister die gleiche Form unterrichtet zu bekommen, wie vom örtlichen Kursleiter, und wie sie sie vom Video her kennen. Es ist zu vermuten, dass die Stilidentität in der Vergangenheit in wesentlich größerem Ausmaß durch das spontane Verhalten der Kämpfer sowie durch ein paar leitende Ideen bestimmt wurde, und nur sehr wenig durch konkrete Übungsmethoden. Es bestand sicherlich ein viel größerer Freiraum hinsichtlich verschiedener Übungsmethoden, ohne dass man sich darum gekümmert hätte, ob Veränderungen zum Stil passen oder nicht.

Sowohl die weltweite Verfügbarkeit zahlreicher Stile durch Mobilität und Videodokumentation wie auch der Wunsch nach Standardisierung und Systematisierung haben die Weiterentwicklung von Stilen in der Richtung verändert und die Möglichkeiten zur Veränderung und Variation in gewisser Hinsicht eingeschränkt. Die Richtung der Weiterentwicklung wird zunehmend durch die Orientierung an ästhetischen Formen sowie an Gesundheits- und Wohlfühlaspekten durch das Training bestimmt. Hinsichtlich der Kampftauglichkeit oder der realistischen Selbstverteidigung gibt es auf der einen Seite eine Orientierung zu den Wettkampfsportarten (Boxen, Kickboxen, Sanda, Pushen etc.), und auf der anderen Seite den Wunsch, Kampf- und SV-Fähigkeiten innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen zu erwerben. Zu solchen Rahmenbedingungen gehört beispielswiese, sich wenig körperlich oder auch geistig anzustrengen, nur weiche und nachgiebige Techniken einzusetzen, ein einziges allen anderen überlegenes Prinzip zu beherrschen, SV-Fähigkeiten nur durch Formentraining zu erlangen, oder möglichst schnell sichtbare Erfolge zu erzielen. Es gibt natürlich auch Bestrebungen, eine auf jeden Fall echte, alte und authentische Kampfkunst erlernen zu wollen, so wie man sich vorstellt, wie sie vor 150 oder 250 Jahren ausgesehen haben mag. Viele Stile verkörpern heutzutage daher einen Kompromiss, einerseits echt, alt und authentisch zu erscheinen, und andererseits den Wünschen der Trainierenden zu entsprechen und deren Trainingsbereitschaft nicht zu überfordern.

Ich möchte diese hier beschriebenen Veränderungen sowohl der menschlichen Zivilisation wie auch der Kampfkunststile nicht als pauschal negativ oder kritikwürdig verstanden wissen. Denn diese Veränderungen haben nicht nur den Import dieser Kulturgüter von Asien in die westliche Welt erst ermöglicht, sie ermöglichen auch einen freieren und kreativeren Umgang mit ihnen, und erst die Systematisierung der Trainingsmethoden, die Standardisierung der Formen und nicht zuletzt die technische Dokumentation auf Video und anderen Medien kann viele Stile vor dem gänzlichen Aussterben bewahren, auch wenn ihnen dadurch vielleicht eine gewisse Lebendigkeit genommen wird.

Diese weltweiten Veränderungen der Gesellschaften und der ganzen Zivilisation haben, wie schon im Kapitel “Neijia und Weijia” hinsichtlich Ausdifferenzierung und Vereinheitlichung beschrieben, den Charakter der heutzutage überall zu findenden Kampfkunststile geprägt. Auch neue Mischsysteme muss man als Ergebnis dieser zivilisatorischen Veränderungsprozesse betrachten, und sind daher anders zu betrachten und zu bewerten, als Stile, die sich in einer ganz anderen Zeit unter ganz anderen Umständen entwickelt haben. Neue Systeme werden heutzutage aufgrund der gleichen Anlässe erfunden, wie traditionelle Systeme verändert und den heutigen Bedürfnissen der Menschen angepasst werden. Wer tatsächlich ein echtes traditionelles Kampfkunstsystem in einer Weise beherrscht, wie es (mutmaßlicherweise) in der Vergangenheit vor 150 oder mehr Jahren praktiziert und angewendet worden ist, wird mit Sicherheit kein Bedürfnis haben, dieses zu vermischen, durch Anpassung an heutige Bedürfnisse zu “verbessern” und ihm einen neuen Namen zu geben. In so einem Fall bleibt nur die Möglichkeit einer relativ traditionellen Form der Weitergabe an letztendlich nur wenige, besonders motivierte Schüler.

Ein Bedürfnis nach Freiraum

Erst dadurch, dass viele Kampfkünste vielerorts verfügbar wurden, und durch Video- und Fotodokumentation und andere Maßnahmen in ihrer äußeren Form zunehmend festgelegt wurden, entstand ein derart fein aufgerastertes Kategoriensystem für bestimmte Gruppen von Stilen (z.B. innere und äußere Stile, nordchinesische und südchinesische Stile etc.), für die einzelnen Stile und für die noch zahlreicheren Substile, wie wir es heute kennen. Durch die Festlegung auf bestimmte Übungsinhalte und genaue Bewegungsabläufe bei Formen wird der Rahmen, wann eine Variation als nicht mehr ganz zum Stil passend eingeschätzt wird, immer enger. Obwohl durch die Vielzahl an Stilen kaum eine denkbare Übungsmethode nicht abgedeckt wird, entsteht hier aund da Freiraum für neue Stile (vor allem aber für neue Substile) aufgrund eines häufig etwas zu starren Begriffsverständnisses hinsichtlich dessen, was einen Stil ausmacht, und wieviel Abweichungen und Variationen erlaubt sind. Die heutige Situation ist die, dass in vielen Schulen und Verbänden entsprechend der verständlichen Bedürfnisse der weniger fortgeschrittenen Schüler standardisierte Formen unterrichtet werden, und die Lehrer auf Ideen und Bestrebungen von Schülern, eigene Varianten zu entwickeln, mit Ablehnung reagieren, und dies häufig mit dem angeblich traditionell vorgegebenen Ausbildungsweg entsprechend der Standardform begründen. Dies mag bis zum einem bestimmten Ausbildungsniveau auch richtig und angemessen sein, aber oft wird auch bei einem höheren Ausbildungsniveau weiterhin daran festgehalten, und der betreffende Schüler hat bis dahin seinen Wunsch, selbst kreativ zu sein, wahrscheinlich schon ganz aufgegeben. In der Rolle des Kursleiters und Lehrers sieht sich der fortgeschrittene Praktiker dann einerseits den Vorgaben des übergeordneten Verbandes und andererseits den Wünschen der nachfolgenden Anfängergeneration nach Einheitlichkeit ausgesetzt, und Freiraum für eigene Experimente ist weiterhin kaum vorhanden. Nicht zuletzt existiert fast immer eine Hierarchie, innerhalb derer es das Privileg des Meisters oder Großmeisters ist, die Schüler durch Variationen zu beeindrucken und zu unterhalten. Aber sogar chinesischen Meistern ist dies manchmal vergönnt, beispielsweise wenn sich der Großmeister und der Verbandsleiter auf eine andere Form der Standardisierung geeinigt haben. Das schmackhafte Mahl aus dem vorbereiteten Rohgemüse wird nie gekocht, sondern es wird einfach immer weiter Rohgemüse angesammelt.

Diese einengenden Umstände sowie ein gelegentlich schon überentwickeltes Bewußtsein für Stilmerkmale führen bei fortgeschrittenen Praktikern häufig dazu, dass der Wunsch entsteht, ein eigenes Kampfkunstsystem zu begründen, in dem die eigene Kreativität ausgelebt und die Nachteile der standardisierten Form und der bestehenden Hierarchie überwunden werden können. Hinsichtlich Kreativität ist zu bemerken, dass Kreativität im Kampfkunstbereich natürlich nicht mit Kreativität in anderen Künsten wie Tanz, Musik oder Malerei vergleichbar ist. Eine Form ist in erster Linie ein methodisches Werkzeug und erst in zweiter Linie ein ästhetischer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit oder zur Unterhaltung. Ich glaube aber nicht, dass es an dieser Stelle allzu bedeutsam ist, darüber zu diskutieren, ab welchem “Level” es gut und angemessen ist, auch beim Erlernen einer Kampfkunst kreativ zu sein, indem man eigene Formen oder Figuren und Variationen von Übungsmethoden erfindet. Ein Lehrer, der Variationen und Abweichungen gegenüber aufgeschlossenen ist, kann hier korrigierend einwirken, und bei zu großen Abweichungen Grenzen setzen, indem er darauf hinweist, wenn eine Übung den Regeln des Stils nicht mehr genügt. Bei eigenen Entwicklungen von Übungsmethoden geht es um die Berücksichtigung mehrerer Aspekte: Zunächst müssen die Regeln und Rahmenbedingungen des praktizierten Stils eingehalten werden, damit die Methoden überhaupt geeignet sind, Fortschritte in der richtigen Richtung zu bewirken. Entscheidend sind daraufhin jedoch die Motive des Praktikers, was mit der neuen Übung verwirklicht werden soll, vor allem unter Berücksichtigung seiner Stärken und Schwächen, auch im Hinblick auf das Gesamtkonzept der Kampfkunst. Es ist klar, dass langfristig sowohl die Talente, Neigungen und bereits vorhandenen Fähigkeiten, also die Stärken geschult werden sollten, aber wichtiger ist es häufig, zunächst an den Schwächen zu arbeiten, damit diese so weit wie möglich überwunden werden können. Eigene Übungen, die nur dazu dienen, die Stärken des Schülers zu betonen, sind anders zu bewerten, als Übungen, mit denen ein Praktiker gezielt an seinen Schwächen arbeiten will.

Mischsystem, neuer Stil oder neuer Substil?

Bei der Entwicklung von neuen Stilen können auf der einen Seite unterschiedliche Ausgangspositionen vorhanden sein und auf der anderen Seite verschiedene Ziele verfolgt werden, die auf das Endergebnis entscheidenen Einfluß haben. Ich gehe hierbei von der Prämisse aus, dass niemand einen Stil im luftleeren Raum, d.h. ohne Bezugnahme auf bereits vorhandene Stile, erfinden kann. Denn selbst wenn eine neue Entwicklung vorgenommen wird, ohne dass ein bereits etablierter Stil dafür die Basis bildet, müßte der Gründer aufpassen, dass sein eigener Stil einem bereits vorhandenen Stil nachher nicht zum Verwechseln ähnlich erscheint, und ihm dann vorgeworfen werden könnte, doch nur das Rad neu erfunden zu haben. Ein neuer Stil kann dann zu seinen Ursprungsstilen in unterschiedlichen Beziehungen stehen. Er kann beispielsweise auf nur einem einzigen Stil aufbauen und dann entweder als Variation oder weiterer Substil gelten, oder die Veränderungen sind so groß, dass es tatsächlich ein ganz neuer Stil ist, der auch einen neuen Namen erhält. Meistens dürften jedoch mindestens zwei Stile als Basis oder Ideenlieferanten genutzt werden. In so einem Fall gibt es eine größere Anzahl an Varianten, in welchem Zusammenhang die Ursprungsstile und der neue Stil stehen können. Hier tritt dann in manchen Fällen das Problem auf, in welchem Ausmaß und in welcher qualitativen Hinsicht der neue Stil die ursprünglichen Systeme noch repräsentieren soll, oder ob sich der neue Stil in Teilbereichen oder gänzlich davon abgekoppelt hat. Hierbei kann man sich die Frage stellen, welche Voraussetzungen für eine angestrebte Abkopplung nötig sind, denn die Realität hinsichtlich der zugrundeliegenden Konzepte, der Übungsmethodiken sowie der Wirkung auf Außenstehende kann sich von den Wunschvorstellungen des Stilgründers manchmal unterscheiden.

Wie bereits in der Einleitung kurz geschildert, ist es ein sehr entscheidender Faktor, ob dem neuen Stil eine eigenständige Idee oder ein gänzlich neues Konzept zugrundeliegt, welches bisher noch in keinem existierenden Übungssystem realisiert worden ist, oder ob sich das Neue ausschließlich aus der gewählten Kombinationsmethode beim Zusammenfügen der Ursprungssysteme ergibt. Im ersten Falle, wenn eine ganz neue Idee vorliegt, hängt die Gesamtergebnis stark davon ab, ob die Ausarbeitung dieser Idee zu einer deutlichen Umgestaltung aller oder vieler Elemente führt, so dass das Ergebnis kein Mischsystem, sondern ein gänzlich neuer Stil ist. Die Erwähnung der Ursprungssysteme erfolgt dann hauptsächlich, um die Vorgängersysteme angemessen zu würdigen, und die Methode der Weiterentwicklung erkennbar zu machen. In so einem Fall gibt es kein Problem der Repräsentativität, denn es ist nicht bedeutsam, ob in dem neuen System teilweise die gleichen Fähigkeiten geschult werden wie in den Ursprungssystemen. (Es sei denn, dass dies unnötigerweise z.B. zu Werbezwecken in überzogenem Ausmaß behauptet wird.) Wenn die neue Idee jedoch nur geringfügige Änderungen an einem Großteil der Ursprungsysteme bewirkt, kann es passieren, dass diese Änderungen dennoch die Repräsentativität für die Ursprungsysteme entscheidend einschränken, obwohl viele Dinge fast ohne Veränderungen übernommen wurden. Im Einzelfall kommt es natürlich immer darauf an, welche Zielsetzungen mit der Übungspraxis im neuen System verfolgt werden. Wenn die (evtl. nur scheinbar) geringfügigen Änderungen mit einer ausgeprägten Verschiebung der Zielsetzung verbunden sind, wird ausdrücklich keine Repräsentativität mehr angestrebt. Dieses sollte dann in der Namensgebung und in der Erklärung des Gesamtkonzepts des Stiles deutlich zum Ausdruck gebracht werden.

Die Situation wird schwieriger zu beurteilen, wenn bei der Entwicklung eines neuen Stils mehrere Ursprungssysteme zusammengefügt werden, ohne dass eine neue Idee oder ein neues Konzept dafür eine Basis bilden (natürlich abgesehen von der Idee des Vermischens sowie von bestimmten Präferenzen, bestimmte Aspekte zu integrieren und andere Aspekte herauszufiltern). Strenggenommen kann man nur in so einem Fall von einem echten Mischsystem sprechen. Für die Kombination der Ursprungssysteme gibt es mehrere Möglichkeiten. Der neue Stil kann als ein weiterer Substil von einem der Ursprungsysteme konzipiert werden, und eine dementsprechend ähnliche Zielsetzung haben, es kann aber auch versucht worden sein, die charakteristischen Elemente der Ursprungssysteme in ungefähr gleicher Intensität einfließen zu lassen, so dass sich der neue Stil quasi im Bereich der Mitte dazwischen befindet.

Ein Problem der Repräsentativität entsteht dann, wenn hinsichtlich der Ausbildungsziele behauptet wird, mit der Praxis des neuen Systems die gleichen Fähigkeiten erreichen zu können wie mit den Ursprungssystemen. Diese Problematik möchte ich an dieser Stelle für mögliche Konzepte bei Mischsystemen erläutern, die auf den Stilen Taijiquan und Baguazhang und ggf. weiteren Stilen aufbauen. Es geht mir nicht darum, zu belegen, dass eine Vermischung, Integration oder Zusammenführung grundsätzlich nicht möglich wäre, sondern um verschiedene Schwierigkeiten, die dabei auftreten, sowie um die Frage, ob es überhaupt möglich ist, mit einem einzigen Übungssystem Fähigkeiten erlangen zu können, die einer separaten Ausbildung in beiden Kampfkünsten entsprechen. Es ist selbstverständlich möglich, Taijiquan und Baguazhang in diverser Art und Weise zu einem einheitlichen oder auch sehr abwechslungsreichen Übungssystem zu verbinden, wenn dabei eine eingeschränkte Zielsetzung verfolgt wird im Vergleich zu einer reinen Taiji- oder reinen Bagua-Ausbildung.  Dies würde allerdings nur Sinn machen, wenn dieser beschränkte Bereich durch die Zusammenführung eine Verbesserung, eine Vertiefung oder eine gewisse Erweiterung erfährt. Darunter könnte beispielsweise eine Beschränkung auf gesundheitliche Wirkungen, auf ästhetische Aspekte für Showveranstaltungen oder eine Anpassung an eine bestimmte Zielgruppe (junge Leute, ältere Leute etc.) fallen. Der Preis dafür wäre der bewußte Verzicht auf die Ausbildungsaspekte, die bei der gewählten Integrationsmethode nicht berücksichtigt worden sind. Es gibt kein Repräsentativitätsproblem, wenn keine Repräsentativität angestrebt wird. Die folgende Diskussion dreht sich daher um die Frage nach der Möglichkeit, ein System mit zumindest gleichwertigen oder sogar umfassenderen Ausbildungszielen zu schaffen als ein einziges oder beide Einzelsysteme.

Taiji und Bagua - wichtige Gemeinsamkeiten?

Weil es kaum denkbar ist, dass ein Mischsystem aus diesen beiden Stilen entstehen könnte, ohne dass die Gemeinsamkeiten dabei eine zentrale Rolle spielen, möchte ich an dieser Stelle diese Gemeinsamkeiten analysieren und hinsichtlich ihrer Tauglichkeit für eine Zusammenführung der Stile bewerten.

Angesichts der vielen existierenden Substile in beiden Kategorien muss zunächst geklärt werden, welche Substile in dieser Diskussion berücksichtigt werden, und welche nicht. Aus dem Taiji-Bereich berücksichtige ich sämtliche Substile, sofern man sie im Sinne einer oder mehrerer der im “Taijiquan”-Kapitel beschriebenen Taiji-Versionen 1 bis 3 als Kampfkunst praktizieren kann. Dies dürfte für alle bekannteren Substile (Chen, Yang, Wu etc.) gelten. Im Bagua-Bereich konzentriere ich mich sowohl auf Traditionen des Yin-Stil-Bagua wie auch auf den Cheng-Stil und Cheng-Stil-ähnliche Systeme, sofern die typischen Spiralbewegungen in ausreichend kräftigem Maße eingesetzt werden. Bagua-Stile, in denen der dynamische Spiralbewegungscharakter gegenüber einer Taiji-ähnlichen weitgehend unbewegten Haltung des Oberkörpers und einem entsprechend langsam-fließenden Bewegungscharakter gewichen ist, werden nicht berücksichtigt, ebenso wie Bagua-Stile, die ausschließlich für Vorführungen und Wettbewerbe optimiert wurden. Diese Bagua-Stile halte ich nicht mehr für ein mutmaßliches urprüngliches Bagua oder für die Gesamtheit der anderen Bagua-Stile repräsentativ, weil sich hier ein evtl. noch vorhandenes Trainings- und Anwendungskonzept bereits weitestgehend an eines der drei hier beschriebenen Taiji-Versionen angeglichen hat. Exotische Systeme mit ggf. unklarer Herkunft wie beispielsweise das erwähnte Yin-Yang-Baguazhang können ebenfalls nicht berücksichtigt werden.

Ich habe für diese Diskussion aus dem Bagua-Bereich nur die Substile ausgewählt, die sich von den bekannten Taiji-Stilen deutlich unterscheiden. Abgesehen davon, dass die Schaffung eines Mischsystems aus verschiedenen Systemen, die sowieso schon fast gleich sind, kaum einen Sinn macht, ist die Wahl dieser eher unterschiedlichen Systeme wichtig, weil man nur dann die wirklich wichtigen übrig gebliebenen Gemeinsamkeiten erkennen kann.

Die Gemeinsamkeiten, die üblicherweise als kennzeichnend für alle oder die meisten Neijia-Stile genannt werden, sind die folgenden: (1) Sowohl Taijiquan wie auch Xingyiquan und Baguazhang bauen auf der gleichen daoistischen Lehre von Yin und Yang auf. Die Schwerpunktsetzung beim Xingyiquan auf der Lehre der fünf Wandlungsphasen und beim Baguazhang auf den acht Trigrammen widerspricht dieser Theorie nicht, sondern bildet hauptsächlich eine Erweiterung dieses Ansatzes. Yin und Yang bilden die Grundlage für die Lehre der fünf Wandlungsphasen und der acht Trigramme. (2) In allen drei Stilen wird der Mensch als Einheit von Geist, Energie und Körper betrachtet, entsprechend wird eine Schulung des Geistes sowie eine Stärkung und Harmonisierung von Körper und Energie angestrebt. (3) Trotz Unterschieden in der exakten Korrektur der Körperhaltung wird eine geschlossene Körperhaltung angestrebt, in der die Gelenkpaare Schultern und Hüften, Ellenbogen und Knie sowie Hand- und Fußgelenke aufeinander bezogen sind. Auf den Körper einwirkende Kräfte sollen möglichst optimal in den Boden abgeleitet werden können. (4) Ein zentraler Aspekt ist die Ausbildung und Stärkung des Dantian als wichtigstes Energiezentrum, das u.a. eine zentrale Rolle bei der Bewegungssteuerung einnimmt. (5) Bei Bewegungen wird eine Harmonisierung von Spannung und Entspannung sowie von Muskeleinsatz und Energiefluß angestrebt. (6) Es gibt zahlreiche gemeinsame Anwendungsmöglichkeiten im Sinne von Techniken, die zu allen Neijia-Stilen passen.

Es ist mir an dieser Stelle nicht möglich, wirklich alle Gemeinsamkeiten aufzuzählen, u.a. weil manche Gemeinsamkeiten nur für bestimmte Substile gelten würden. Dabei ist auch zu bedenken, dass eine höhere Anzahl von Gemeinsamkeiten die Bedeutsamkeit von Unterschieden nicht verringern kann. Wie bereits erwähnt kommt es bei der Bewertung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden auf die Perspektive des Betrachters und dementsprechend auf die Abwägung qualitativer Merkmale der einzelnen Aspekte an. Im folgenden möchte ich die einzelnen Punkte näher beleuchten, und erläutern, in welcher Beziehung diese Gemeinsamkeiten zu den Unterschieden in den Gesamtkonzepten der Stile Taijiquan und Baguazhang stehen.

Zu Punkt (1) “Sowohl Taijiquan wie auch Xingyiquan und Baguazhang bauen auf der gleichen daoistischen Lehre von Yin und Yang auf.”: Hier ist festzustellen, dass es nicht ausreicht, Taijiquan als die Kampfkunst zu betrachten, die auf dem einfachsten und allgemeinsten Modell im Bereich der daoistischen Theorien aufbaut, dem Yin-Yang-Modell, während dem Baguazhang eine wesentlich komplexere Theorie, nämlich die der acht Trigramme, zugrundeliegt, und zwar deswegen, weil weder das Yin-Yang-Modell noch die acht Trigramme eine vollständige Beschreibung der Ideen und Konzepte der beiden Kampfkünste enthalten. Die eigentlichen Theorien dieser Künste, die dann die Zusammenhänge zwischen den Ausbildungszielen, den Anwendungsideen und den Übungsmethoden beschreiben, beziehen sich vielmehr auf die konkrete Umsetzung der allgemeinen Philosophien im Rahmen der Übungsmethodik. Man kann aus dem Yin-Yang-Modell selbst nicht ableiten, ob eine Bewegung oder eine Übungsmethode einen Yin- oder einer Yang-Charakter hat, und wie dann beispielsweise eine komplementäre Übung mit Yang- oder Yin-Charakter aussehen könnte. Eine sehr langsame Übung kann als Gegenpart zu einer Übung ohne äußere Bewegung einen Yang-Charakter haben, während sie als Gegenpart zu einer schnellen Übung einen Yin-Charakter hat. Eine Übung mit weichen Bewegungen mag man als Taiji-typisch mit Yin-Charakter empfinden, und man mag eine Übung mit sehr harten Bewegungen als passendes Gegenstück mit Yang-Charakter empfinden, aber möglicherweise passt sie nicht mehr zum Taijiquan. Eine passende Gegenübung mit Yang-Charakter, die zum Taijiquan passt, kann dann ganz anders aussehen. Diese Fragen werden von der “eigentlichen” Taijiquan-Theorie beantwortet, während das Yin-Yang-Modell und die entprechende daoistische Philosophie nur einen allgemeinen Rahmen dafür bildet. Entsprechendes gilt für die Zuordnung von Bewegungen, Techniken und Tierstilen zu den acht Trigrammen, die letztendlich genauso willkürlich sind wie die Zuordnung von Bewegungen zu Yin oder Yang.

Wenn man bei einem Vergleich der Kampfkünste Taijiquan und Baguazhang die gemeinsamen, aber gänzlich allgemeinen Theorien betrachten will, ist es notwendig, zu überprüfen, ob diese allgemeinen Theorien in einer gleichen, ähnlichen oder vergleichbaren Weise in konkrete Methoden umgesetzt worden sind. Diese Gemeinsamkeiten könnten dann in einer Zusammenführung der Übungsmethoden beider Stile genutzt werden, und die Eignung dieser Methodik für die Ziele beider Kampfkünste begründen, falls ein Mischsystem für beide Kampfkünste repräsentativ sein soll.

Die daoistische Theorie von Yin und Yang als gemeinsame Grundlage beider Kampfkünste begründet keinesfalls eine ausgeprägte Ähnlichkeit oder eine Zusammenführbarkeit in einer übergreifenden Übungsmethodik, genauso wenig wie die Bilder zweier Maler ähnlich sein müssen, nur weil beide Maler den gleichen Farbkasten und gleiche Leinwand verwendet haben.

Wesentliche Unterschiede in den Gesamtkonzepten habe ich bereits in den Kapiteln “Taijiquan” und “Baguazhang” beschrieben. Konkrete Gemeinsamkeiten und Probleme bei der Anwendung auf Mischsysteme werden im Folgenden erläutert.

Zu Punkt (2) “In allen drei Stilen wird der Mensch als Einheit von Geist, Energie und Körper betrachtet, entsprechend wird eine Schulung des Geistes sowie eine Stärkung und Harmonisierung von Körper und Energie angestrebt.”: Bei diesen Gemeinsamkeiten handelt es sich zwar nicht nur mehr um reine Theorie, aber um eine dennoch sehr allgemeine Form der Betrachtung, denn es gibt, wie bereits erwähnt, unterschiedliche Methoden der Geistesschulung und der Ausbildung von Körperkraft und energetischer Fitness. Zudem beschränken sich diese Gemeinsamkeiten nicht nur auf innere Kampfkünste, sondern gelten für beinahe alle asiatischen und insbesondere chinesischen Kampfkünste, die dementsprechend zu Mischsystemen verbunden werden könnten.

Zu Punkt (3) “Trotz Unterschieden in der exakten Korrektur der Körperhaltung wird eine geschlossene Körperhaltung angestrebt, in der die Gelenkpaare Schultern und Hüften, Ellenbogen und Knie sowie Hand- und Fußgelenke aufeinander bezogen sind. Auf den Körper einwirkende Kräfte sollen möglichst optimal in den Boden abgeleitet werden können.”: Obwohl an dieser Stelle Gemeinsamkeiten vorhanden sind, die verschiedene Möglichkeiten für die Zusammenführung zu Mischsystemen bieten, entstehen hier genau die Probleme hinsichtlich der Ausbildungsziele und der Repräsentativität für die Ursprungssysteme, die bereits in der Einleitung erwähnt wurden. Die Korrektur der Körperhaltung ist in den inneren Kampfkünsten eine sehr zentrale Angelegenheit, die die besondere Form der Energiearbeit, die Entwicklung der intuitiven Aspekte bei Selbstverteidigungs- und Kampfanwendungen und die richtige Energiearbeit erst ermöglicht. Dennoch gehört eine korrekte Körperhaltung und eine effektive Ausrichtung der Wirbelsäule zu allen Kampfkünsten und ist nicht auf die inneren Stile beschränkt. In vielen Stilen wird die entsprechende Haltung jedoch hauptsächlich durch langjährige Erfahrung durch die Bewegungsübungen und die Anwendungstechniken erworben, und erst in zweiter Linie durch bewußtes Hineinspüren und ständige kleine Verbesserungen beim Üben. In den beiden inneren Stilen Taijiquan und Baguazhang kommt es bei der Analyse und dem Vergleich der Wirbelsäulenkorrektur auf verschiedene Aspekte an. Neben der Frage, wie groß und wie wichtig die Unterschiede in einer unbewegten Körperhaltung sind, müssen auch die Freiheitsgrade beim Üben, die gesamte Bewegungsdynamik sowie der Sinn bei den Anwendungen betrachtet werden. Erst daraus können verschiedene Möglichkeiten der Handhabung in Mischsystemen abgeleitet und anschließend beurteilt werden.

Der wesentliche Unterschied zwischen Taiji und Bagua in der Ausrichtung der Wirbelsäule besteht darin, dass die Begradigung im Baguazhang wesentlich stärker ausgeprägt ist. Die Begradigung entsteht sowohl durch ein stärkeres Einsinken im Brustbereich, welches von einer horizontalen und vertikalen Rundung des Rückens zwischen den Schulterblättern begleitet ist, wie auch durch ein ausgeprägteres Einziehen des Beckens nach vorne. Diese Haltung bewirkt eine besondere geistige Präsenz im gesamten begradigten oder gerundeten Rückenbereich, die sowohl für die gesamte Bewegungsdynamik, wie auch für spezielle Anwendungsprinzipien und -techniken genutzt wird. Im Taijiquan wird dagegen eine geistige Präsenz im horizontal geöffneten und vertikal leicht eingesunkenen Brustbereich angestrebt, um einwirkende Kräfte aufnehmen und in den Boden ableiten zu können, ohne dabei die Verwurzelung und die Absenkung des Schwerpunktes aufzugeben. Daher wird die Brustwirbelsäule durch einen leichten Druck nach vorne begradigt, so dass es nicht zu einer (horizontalen) Rundung des Rückens kommt. Die Bagua-typische Korrektur kann man im Wesentlichen durch eine einfache Methode ausprobieren, in dem man beide Unterarme von den Ellenbogen bis zu den Handflächen vor dem Solarplexus aneinanderdrückt (so weit wie möglich, wenn es nicht ganz gelingt). Die Handflächen werden mit der geöffneten Innenseite in Brusthöhe gehalten, als wenn man ein geöffnetes Buch darin halten würde. Anschließend versucht man, die aneinanderliegenden Ellenbogen weiter von der Brust wegzudrücken, so dass sich das Einsinken im Brustbereich und die Rundung des Rückens verstärkt. Die Orientierung des Ellenbogens am Solarplexus ist typisch für Baguazhang, während Taiji-Praktiker derartige Haltungen und Bewegungen in diesem Bereich sofort als untypisch und unpassend für ihren Stil wahrnehmen würden.

Es darf nicht vergessen werden, dass sich die Körperhaltungen sowohl im Taijiquan wie auch im Baguazhang sowohl bei unterscheidlichen Praktikern wie auch zwischen verschiedenen Substilen deutlich unterscheiden können, so dass es gelegentlich zu Überschneidungen kommt. Dies hängt auch damit zusammen, dass es sowohl im Taiji wie auch im Bagua Stilinterpretationen gibt, die sehr dynamische Bewegungen beinhalten, die auch die Wirbelsäule betreffen. Aber auch wenn die Wirbelsäule in eine derartige Bewegungsdynamik eingebunden ist, kann man typische Unterschiede zwischen beiden Stilen erkennen. Im Taijiquan ist manchmal zu beobachten, dass ein Praktiker die Taiji-typische Gewichtsverlagerung vom einen zum anderen Bein sehr stark betont, so dass sich der Schulterbereich im Verhältnis zu den Hüften seitlich verschiebt und die Wirbelsäule eine seitlich ausgerichtete S-Form erhält. Dabei verändert sich die Kopplung der Gelenkpaare, indem nicht mehr linke Schulter und linkes Hüftgelenk und rechte Schulter und rechtes Hüftgelenk verbunden sind, sondern sich beide Schultern oder sogar nur die gegenüberliegende Schulter am Hüftgelenk des gewichttragenden Beines orientieren. Die meisten Praktiker sehen es jedoch als ein Qualitätsmerkmal und wichtiges Trainingsziel an, die Bewegungen und Figuren mit möglichst reduzierter Oberkörperdynamik auszuführen. Es ist allerdings ein großer Unterschied, ob eine Bewegungsdynamik durch eine Anpassung an den bequemsten Bewegungsfluß entsteht, oder ob mittels der Bewegungsdynamik bestimmte Ziele verfolgt werden, die das Üben schwieriger und anstrengender machen und mit bestimmten Prinzipien und Anwendungsideen verbunden sind.

Die Korrektur der Wirbelsäule im Taijiquan dient der Stabilisierung des Körpers innerhalb einer Bewegungsdynamik, in der Verdrehungen der Wirbelsäule weitgehend vermieden werden, während die Wirbelsäule bei Bagua-Praktikern jederzeit zu Verdrehungen und Rotationen bereit sein soll. Eine stärker begradigte Wirbelsäule kann einfacher und gleichmäßiger eingedreht werden, ohne dass es dabei zu Brüchen in der gesamten Körperstruktur kommt. Bei intensiverer Bewegungsdynamik kommt es häufig (sowohl in Cheng-Stil-ähnlichen Bagua-Stilen mit ausgeprägten Spiralbewegungen wie auch in Teilbereichen des Yin-Stil-Bagua) zu einer Krümmung der Wirbelsäule nach vorne, nach hinten oder zur Seite, wobei diese Krümmung in manchen Figuren auch rotieren kann. Auch diese sehr Bagua-typische Dynamik wird durch eine starke Begradigung der Wirbelsäule gefördert oder sogar erst ermöglicht. Eine Orientierung der Wirbelsäule an der S-Form ist nicht Bagua-typisch, denn die S-Form tritt in den meisten Fällen nur vorübergehend beim Übergang zwischen manchen Figuren auf.

In einem Mischsystem können diese unterschiedlichen Haltungskorrekturen und Bewegungsdynamiken nun auf verschiedene Weise zusammengebracht werden. Es dürfte einleuchtend sein, dass dann, wenn diese bedeutenden Unterschiede vernachlässigt werden, und eine Korrektur im Bereich dazwischen ausgewählt wird, die Anwendungsprinzipien und -techniken im Hinblick auf beide Stile unklar werden. Die Taiji-Aspekte betreffend sind die Lernziele im Bereich der äußerst subtilen inneren und äußeren Ausweichsbewegungen bei gleichzeitiger Orientierung an einer sehr stabilen Haltungstruktur nicht mehr gänzlich erreichbar. Im Hinblick auf die im Bagua angestrebten Fähigkeiten, den Oberkörper gleichzeitig eindrehen zu können und dennoch sehr stabil und kraftvoll zu bleiben, kommt es ebenfalls zu Einschränkungen. Eine Repräsentativität eines derartiges Übungssystems für beide Ursprungssysteme kann so nicht erreicht werden. Als Alternative bleibt ein Hin- und Herspringen zwischen beiden Korrekturmethoden. Aber auch wenn dies in der Theorie eventuell möglich erscheint, ist es sehr fraglich, ob es in der Praxis überhaupt angemessen durchgeführt werden kann, und zu den gewünschten Ergebnissen führt. Weil eine Zusammenstellung von einzelnen, aber getrennten Übungen, z.B. Seiden- oder Qigong-Übungen aus beiden Stilen, noch kein Mischsystem bildet, muss hier von längeren Bewegungsformen ausgegangen werden, die dann Figuren aus dem Taijiquan und aus dem Baguazhang beinhalten. Beim Übergang zwischen den Figuren müßte dann, um die Authentizität der Figuren zu erhalten, die Korrektur der Wirbelsäule sowie das damit verbundene Bewegungsgefühl gewechselt werden. Ein derartiger sprunghafter Wechsel existiert aber weder im Taiji noch im Bagua, sondern Formen im beiden Stilen sind gewöhnlicherweise auf ihre Art homogen, denn der Sinn des Formentrainings liegt üblicherweise darin, einerseits gemeinsame Anteile in verschiedenen Bewegungen zu trainieren, und andererseits ein gemeinsames Prinzip in verschiedenen Richtungen auszudifferenzieren. Durch den Wechsel zwischen Taiji- und Bagua-Figuren verringert sich nun dieser gemeinsame Anteil sehr stark, während die Anforderungen an die Aufmerksamkeit für die Aspekte, die ständig verändert werden müssen, stark ansteigt. Dabei ist natürlich die Gefahr sehr groß, dass es beim Üben nach einiger Zeit doch zu einer Homogenisierung des Bewegungsflusses und zu einer Verwässerung der Haltungsprinzipien kommt, die eigentlich vermieden werden sollte.

Abgesehen von den Unterschieden der korrigierten Körperhaltungen in unbewegten Positionen, z.B. bei Stehübungen, sind die Körperkorrekturen in jedem der Stile in eine unterschiedliche Bewegungsdynamik eingebunden. In dieser Bewegungsdynamik bilden die korrigierten Haltungen eine Art Zentrum oder eine Ausgangsposition, zu der immer wieder zurückgekehrt wird. Wenn nun aber zwei Bewegungszentren vorhanden sind, oder sich die (mental vorgestellte) Ausgangsposition beim Übergang der Figuren ständig verändert, ist es kaum noch möglich, die ursprüngliche Einfachheit und Natürlichkeit sowie die anwendungsmäßige Effektivität darin zu entdecken.

Bei einer Form, in der zwischen Bagua- und Taiji-Figuren hin- und hergesprungen wird, geht folglich die Repräsentativität entweder auf der einen Seite durch eine unpassende Homogenisierung und eine Verwässerung der Prinzipien verloren, oder auf der anderen Seite durch eine unangemessene und uneffektive Verkomplizierung der Bewegungsdynamik durch künstliches Hin- und Herspringen. Auch die in den vorherigen Kapiteln angesprochene Vielschichtigkeit der Übungsmethoden, z.B. entsprechend der dort beschriebenen Taiji-Versionen 1, 2 und 3 kann in solchen Formen nicht angemessen umgesetzt werden, weil diejenigen Variationen, die für den einen Stil sinnvoll sind, zum anderen Stil nicht passen, und nicht repräsentativ sind.

Zu Punkt (4) “Ein zentraler Aspekt ist die Ausbildung und Stärkung des Dantian als wichtigstes Energiezentrum, das u.a. eine zentrale Rolle bei der Bewegungssteuerung einnimmt.”: Das Dantian stellt als Energiezentrum des Unterbauches ein Phänomen oder eine Einheit dar, die nur eingeschränkt mit Begriffen aus der westlichen Kultur bezeichnet und auf angemessene Weise beschrieben werden kann. Die Entwicklung dieses Zentrums stellt sowohl eine Voraussetzung für den Erwerb vieler Fähigkeiten im Rahmen der inneren Kampfkünste dar, wie auch ein langfristiges Trainingsziel selbst, denn nahezu sämtlichen Übungsmethoden sollen das Dantian immer weiter stärken und ausbilden. Die Entwicklung eines Dantian ist nicht auf die inneren Kampfkünste beschränkt, denn auch innerhalb der chinesischen Lehren zur Gesunderhaltung, zur Heilung, zur Langlebigkeit und zur spirituellen Entwicklung und teilweise auch in den äußeren Kampfkünsten nimmt es eine zentrale Stellung ein. Das Dantian bildet bei der Praxis der inneren Kampfkünste nicht nur einen Speicher für Qi, sondern ist auch untrennbar mit der Ausbildung der Muskulatur des Rumpfes, insbesondere der Bauch- und Hüftmuskulatur verknüpft. Ein Dantian, welches beispielsweise im Rahmen einer Ausbildung für Heilkunst oder im Rahmen spiritueller Meditationspraktiken entwickelt wurde, ist aufgrund des Fehlens der Stärkung dieser Muskelbereiche nicht oder nur minimal für die Anwendungen im Rahmen der inneren Kampfkünste geeignet, sondern muss nach den Erfordernissen der Kampfstile weiter ausgebildet werden.

Desweiteren stellt das Dantian einen Angelpunkt für die Motorik dar, denn fast alle Bewegungen werden bei den inneren Kampfkünsten aus dem Dantian heraus initiert. Jede Körperhaltung und jede Bewegung des ganzen Körpers oder einzelner Körperpartien werden zum Dantian in Beziehung gesetzt und diese Beziehung beeinflußt und koordiniert die Ausführung der Bewegungen. Auch auf den Körper einwirkende Kräfte werden im Prozess der Wahrnehmung, der Informationsverarbeitung bis hin zur Reaktion auf die äußeren Ereignisse mit dem Dantian in Beziehung gesetzt und die mit der Entwicklung des Dantian verbundenen Fähigkeiten beeinflussen und entscheiden maßgeblich die Reaktionen des Kämpfers auf die durch die Kampfhandlungen des Gegners einwirkenden Kräfte.

Hinsichtlich der Gemeinsamkeiten der beiden Kampfkünste Taijiquan und Baguazhang kann man nun aufgrund der untrennbaren Verknüpfung des Dantian mit den erlernten Bewegungen und Verhaltensweisen nicht von einer identischen Schulung dessen ausgehen, was unter dem Begriff “Dantian” zusammengefaßt wird. Sollte jemand beispielsweise eine Ausbildung im Taiji abbrechen, um mit der Praxis des Bagua zu beginnen (oder umgekehrt), dann ist es sicherlich nicht nötig, bei der Ausbildung des Dantian vollständig von vorne zu beginnen, denn die bereits erworbenen Strukturen können angepasst, weiterhin genutzt und im Sinne der neuen Richtung weiter ausgebildet werden. Dennoch würde eine Umschulung auch hinsichtlich des Dantians wesentlich mehr beinhalten als nur ein relativ simples Erlernen neuer Bewegungen, weil bei den Beziehungsregeln zwischen Bewegungen und Dantian Unterschiede zwischen beiden Stilen bestehen. Zum einen ergibt sich aus der stärkeren Begradigung der Wirbelsäule beim Baguazhang eine stärkere Kompression der Unterbauchregion, die sich sowohl für den Praktiker wie auch für einen Angreifer, Gegner oder Übungspartner deutlich anders anfühlt, und es sind auch andere Anwendungsideen mit der stärkeren Kompression verbunden. Ebenso wie es Überschneidungsbereich bei Praktikern und verschiedenen Substilen bei der Wirbelsäulenkorrektur gibt, sind diese Unterschiede in der Kompression der Energie im Dantian nicht immer anzutreffen. Zum anderen bilden diese unterschiedlichen Methoden der Kompression ein entscheidendes Element innerhalb der Funktionsweise des Dantians bei Anwendungen. Die ausgeprägtere Kompression des Dantian im Baguazhang ergibt sich nicht aus zusätzlichen willkürlichen Bemühungen, in der Unterbauchregion Druck oder Anspannung zu erzeugen, sondern in natürlicher Weise aus der Körperdynamik der Bewegungen und der Körperkorrektur. Eine stärker begradigte Wirbelsäule bedingt notwendigerweise eine stärkere Kompression des Dantian, ebenso wie der generell etwas höhere Muskeltonus in den Bewegungen aufgrund der verdrillteren Spiral- und Rotationsbewegungen der Gliedmaßen und des Rumpfes. Während im Baguazhang diese höhere Kompression notwendig ist, damit die etwas kräftigeren Bewegungen auf natürliche Weise, fließend, ohne Unterbrechungen und manchmal auch explosiv durchgeführt werden können, steht diese Art der Kompression den Zielen der Praxis des Taijiquan entgegen und ist für die korrekte Ausführung der Bewegungen auch nicht notwendig. Die im Dantian gespeicherte Energie wird hier in geringerem Maße für die Ausführung von dynamischen Bewegungen benötigt, und die Aufmerksamkeit wird in verstärktem Maße darauf gerichtet, dass einwirkende Kräfte aus jeder Richtung ohne große Veränderungen der Körperhaltung absorbiert werden können, und es einem Angreifer, Gegner oder Übungspartner nur schwer möglich ist, die eigenen inneren Aktivitäten zu erspüren und zu durchschauen. Für diese Zwecke ist eine Bagua-typische Kompression des Dantian nicht optimal, genauso wie die Taiji-typische geringere Kompression nicht optimal für die Bewegungsdynamik im Bagua ist.

Bei einem Mischsystem entsteht hier dieselbe Problematik wie bei der Korrektur der Wirbelsäulenhaltung, denn es kann entweder ein Kompressionsgrad aus dem Bereich zwischen den jeweils stiltypischen Kompressionen gewählt werden, oder es wird eine Methode des Wechselns und Hin- und Herspringens gewählt. Beide Möglichkeiten würden jeweils mit der gewählten Haltung der Wirbelsäule korrespondieren, je nach dem ob hier ebenfalls eine Kompromisshaltung oder eine Wechseldynamik gewählt wurde. Bei der Kompression des Dantian verstärkt sich dieses Problem jedoch, weil das Dantian nur in geringerem Maße spontan wandelbar ist. Es ist ja gerade der Sinn und Zweck des Dantians, eine kontinuierlich gleichbleibende und stabile Einheit im Vergleich zu den sich ständig wechselnden Aspekten aus den Bewegungen zu bilden. Eine ständige Anpassung der Kompression des Dantians ist daher in der Praxis ungünstig und eine Homogenisierung von Taiji- und Bagua-ähnlichen Figuren in einer Form wäre in dieser Hinsicht kaum zu verhindern. Ein solches Mischsystem würde für beide Ursprungssysteme nicht mehr repräsentativ sein, sondern müßte seinen eigenen Platz ausschließlich im Bereich zwischen den Stilen finden.

Es gibt noch weitere Unterschiede bei der Arbeit mit dem Dantian zwischen typischen Taiji- und Bagua-Formen. Im Taiji geschieht die Initiierung der Bewegung aus dem Dantian heraus bei den meisten Figuren in einer Art und Weise, in der das Dantian die Bewegungen führt. Das bedeutet, dass sich in der geistigen Intention und bei der Ausführung der Bewegung scheinbar zuerst das Dantian bewegt, sich danach der Rumpf dementprechend bewegt, und sich daraus die Bewegungen der Gliedmaßen ergibt. Dieser Eindruck ist deswegen ein scheinbarer Eindruck, weil sich alle Bereiche des Körpers, das heißt sowohl Dantian wie auch Rumpf und Gliedmaßen synchron bewegen, aber dennoch beeinflusst diese Art der Bewegungssynchronisation die Entstehung und das Aussehen typischer Taiji-Figuren, denn Figuren, in denen beispielsweise die Gliedmaßen den Bewegungen des Rumpfes wegzulaufen scheinen, gibt es kaum, denn auch hierbei wäre eine Synchronisation und Initierung durch das Dantian möglich. Im Bagua gibt es verschiedene Vorstellungen, wie Bewegungen aus dem Dantian heraus initiiert werden können, ohne dass die Bewegungen des Rumpfes die Bewegungen der Gliedmaßen führen. Hier ist vor allem die primäre Ausrichtung der Bewegungskräfte aus der Verwurzelung mit den Füßen zu nennen, und auf der anderen Seite eine Form der Bewegungsinitiierung, bei der die Schultern oder die Hände die Bewegungen führen und der Rest des Körpers hinterherwandert. Dieses stellt in der Praxis keinen Widerspruch zur Initiierung der Bewegungen aus dem Dantian dar, weil die primären Bewegungen von Schultern, Hüften, Händen oder Füßen mit dem Dantian synchronisiert werden, und sich daraus das Folgen des Rumpfes oder die Synchronisation mit den Rumpfbewegungen ergibt. Nur durch diese prinzipiell unterschiedliche Form der Bewegungsinitiierung kann der typische spiralförmige und verwundene Charakter von Bagua-Figuren entstehen, während die typische Kompaktheit der Rumpfhaltung oder auch eine S-förmige Dynamik der Wirbelsäule durch seitliches Verschieben von Schultern und Hüften im Taiji nur die hierbei typische Bewegungsinitiierung aus dem Dantian mit einem darauf folgenden Oberkörper geschehen kann.

Auch diese Regeln haben zur Folge, dass einzelne Figuren immer nur eingeschränkt die Anforderungen aus den Stilen repräsentieren und schulen können, und sich entweder eine Abschwächung durch Vermischung oder sich komplizierte Anforderungen des Hin- und Herspringens zwischen den Regeln ergeben.

Zu Punkt (5) “Bei Bewegungen wird eine Harmonisierung von Spannung und Entspannung sowie von Muskeleinsatz und Energiefluß angestrebt.”: Es erübrigt sich fast, zu erwähnen, dass die Gemeinsamkeiten bei diesem Thema ebenfalls eher allgemeiner Natur sind, und bei einer Detailbetrachtung ebenfalls vielleicht zunächst unscheinbare aber bedeutsame Unterschiede anzutreffen sind. In den verschiedenen Taiji-Stilen haben die Regeln, die den Muskeltonus bestimmen, eine sehr hohe Priorität und bestimmen die gesamten Bewegungsabläufe und den Rahmen der möglichen Bewegungen außerordentlich. Meistens gelten hier Regeln, dass der Muskeltonus einen bestimmten (gefühlten oder auch theoretisch objektiv messbaren) Wert nicht überschreiten darf, oder dass sich die Bewegungen an einem permanent ausgewogenen Verhältnis von Anspannung und Entspannung orientieren müssen. Häufig hört oder liest man beispielsweise, dass sich Spannung und Entspannung möglichst immer in der Nähe eines Verhältnisses von 50:50 aufhalten sollen. Im Bagua stehen jedoch Spiralbewegungen, d.h. ausgeprägte Verwringungen der Gliedmaßen und des ganzen Körpers im Vordergrund, die eine deutliche Abweichung von diesem 50:50-Ideal schon von ihrer eigentlichen Idee her erfordern. Eine Orientierung an einem Verhältnis von 50:50 oder an einem Übergewicht von Entspannung gegenüber Anspannung begrenzt folglich die Möglichkeit, Spiral- und Verwringungsbewegungen auszuführen, und passt der in keinster Weise zu einem einem der wichtigsten Grundkonzepte des Bagua. Die Harmonisierung von Anspannung und Entspannung muss sich in authentischen, d.h. nicht an Taiji angeglichenen Bagua-Stilen an einem anderen Angelpunkt orientieren und einen größeren und freieren Arbeitsspielraum einfordern, der durch die Bewegungsregeln des Taijiquan nicht gewährleistet wird. Bei genauer Betrachtung erweisen sich die Regeln des Taijiquan und des Baguazhang daher als gegenläufig und unvereinbar (außer durch Hin- und Herwechseln zwischen den Regeln), vor allem auch deshalb, weil diese Regeln zentrale Elemente sind, mittels derer die Methodik zum stilispezifischen Ausbildungsziel hinführen soll.

Zu Punkt (6) “Es gibt zahlreiche gemeinsame Anwendungsmöglichkeiten im Sinne von Techniken, die zu allen Neijia-Stilen passen.”: Bei der Betrachtung der Anwendungsmöglichkeiten eröffnet die Betrachtung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede, dass es zwar einerseits einen Pool von gemeinsamen Anwendungsmöglichkeiten gibt, während es andererseits auch sehr stilspezifische Anwendungen gibt, die zum jeweils anderen Stil nicht passen. Die gemeinsamen Anwendungsmöglichkeiten können jedoch wiederum von den subtileren Unterschieden geprägt sein, so dass diese Anwendungsideen eigentlich gar nicht wirklich gleich und gemeinsam sind und außerdem in einem anderen Kontext und einer anderen Schwerpunktsetzung zu finden sind. Man wird bei einzelnen Anwendungen daher bei genauer Betrachtung immer Besonderheiten finden, wie sie eher in der Art des Taiji oder eher in Bagua-Manier ausgeführt werden kann. Oft wird es sogar verschiedene Varianten in Taiji-Manier oder Bagua-Manier geben, die nur selten wirklich identisch sein werden. Die Probleme, die ein Erfinder eines vollständig repräsentativen Mischsystems zu überwinden hat, entsprechen auch hier den Problemen bei den anderen Gemeinsamkeiten der Stile.

Schlußbetrachtungen

Zum Abschluß dieser Betrachtungen stellt sich die Frage nach dem generellen Wert der Entwicklung neuer Mischsysteme sowie der Einschätzung bereits existierender Mischsysteme. Weil es selbstverständlich nicht möglich oder sinnvoll ist, die unzähligen Möglichkeiten von Mischsystemen vorab zu bewerten oder zu kritisieren, kann es bei einer Bewertung eines bestimmten Mischsystems, wenn man eines “antrifft”, stets nur auf die Ansprüche ankommen, die der Erfinder oder die Vertreter des Mischsystems als Zielsetzungen verkünden. Probleme treten hier dann auf, wenn die Zielsetzungen und Repräsentativitätsansprüche entweder zu umfassend oder unklar dargestellt werden, so dass sich aus dieser Unklarheit eine ungemessene Annahme einer eigentlich nicht vorhandenen Repräsentativität ergeben kann. Behauptungen in der Art, dass ein neuer Stil oder ein neues Übungssystem “die besten” oder “die wichtigsten” Übungen oder Elemente aus Taiji und Bagua “beinhalten” würde, kann den Anschein erwecken, dass eine Repräsentativität für beide Stile vorhanden wäre, was jedoch, wie die obige Analyse gezeigt hat, nur in oberflächlicher Weise der Fall sein kann. Ebenso kann eine verbale Darstellung in der Art, dass “alle Übungen das Erlernen des gemeinsamen Prinzips von Taiji und Bagua ermöglichen und fördern” würden, den Eindruck einer Gleichartigkeit der beiden Stile hervorrufen, der eben nur oberflächlich vorhanden ist. Wie oben gezeigt, können solche Übungen stets nur für einen der beiden Stile wirklich repräsentativ sein, und würden in unveränderter Form eine verfälschte Variante des anderen Stils verkörpern, was letztendlich zu einer kompletten Veränderung des gesamten Stiles führen kann.

Wünschenswert wäre daher, dass Praktiker und Unterrichtende, die sich in diesem Bereich bewegen, hier Sensibilität und Sinn für Korrektheit walten lassen, und auf allgemeine und oberflächliche Formulierungen verzichten, auch wenn diese ggf. mehr zahlende Kundschaft bei Lehrgängen anlocken könnten. Langfristig werden Lehrgangsteilnehmer erst dann zu zufriedenen und wiederkehrenden Kunden, wenn sie auf ein wirklich tiefgehendes Verständnis der Zusammenhänge treffen, und ein tiefgehendes Verständnis schließt immer auch sehr subtile Unterschiede mit ein, und bleibt nicht bei oberflächlichen Gemeinsamkeiten stehen. Diese Aspekte sollten meiner Meinung nach ebenfalls bei der Namensgebung von neuentwickelten Mischsystemen Berücksichtigung finden, denn auch hier werden Unstimmigkeiten und Anmaßungen mit möglicherweise kommerziellen Hintergedanken früher oder später auffallen, was dann auch zu einem Wechsel des Stils führen kann.