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Paradoxien Ein Paradoxon ist eine besondere Form eines Widerspruchs bzw. eine besondere Form von zwei widersprüchlichen Aussagen. Während gewöhnlicherweise bei widersprüchlichen Aussagen entweder eine oder beide Aussagen falsch sein müssen, gibt es bei paradoxen Aussagen stets wichtige Gründe, dass jede der widersprechenden Aussagen wahr sein muss, oder zumindest entscheidende Teilaspekte der Wahrheit in korrekter Form darstellt. In dem Augenblick, in dem es gelingt, eine neue Sichtweise auf das Problemfeld zu gewinnen, die beide widersprüchlichen Aussagen vereint, den Widerspruch auflöst und als Ergebnis einer eingeschränkten Sichtweise offenbart, löst sich auch das Paradoxon auf, bzw. erweist sich als Scheinparadoxon. Ein “echtes” Paradoxon kann jedoch nicht auf diese Weise aufgelöst werden. Der Begriff “Paradoxon” schließt daher die Unauflösbarkeit der Widersprüche mit ein bzw. erfordert eine Methode der Auflösung, in der die widersprüchlichen Aspekte vollständig erhalten bleiben, und auch aus der Perspektive der umfassenden Sichtweise weiterhin widersprüchlich erscheinen. Echte Paradoxien sind daher selten. Wenn man bei weiteren Überlegungen nun davon ausgeht, dass die Welt bzw. die Wirklichkeit selbst sich zwar den menschlichen Denkschemata und Erklärungsmodellen entziehen kann, letztendlich aber nicht widersprüchlich ist, dürfte es echte Paradoxien zumindest bei Aussagen oder Modellen, die die Wirklichkeit und keine fiktionalen Welten beschreiben, nicht geben. Die Theorien, die Wissenschaft, Philosophie und andere Strömungen (z.B. Buddhismus oder Taoismus) hervorgebracht haben, haben jedoch häufig zu widersprüchlichen Aussagen geführt, die sich nicht mit einfachen Methoden auflösen ließen. Wenn es dann gelungen ist, diese Widersprüche dennoch aufzulösen, hat dies stets bedeutsame Folgen auf zwei unterschiedlichen Ebenen gehabt, und zwar auf der Ebene der Erklärungsansätze und -modelle, und auf der Ebene des Problemfeldes, in dem die Widersprüche entdeckt wurden. Auf der Erklärungsebene wurden die bislang verwendeten Denkschemata in Frage gestellt und letztendlich stark relativiert oder sogar als oberflächlich, untauglich oder falsch überführt. Die neugewonnene Denkweise eröffnete daraufhin einen Einblick in neue Problemfelder und neue Möglichkeiten, Ideen zu realisieren, egal ob es sich um technische Erfindungen, praktische Methoden oder geistige Gebilde wie Theorien oder Philosophien handelt. Auf der Ebene des Problemfeldes kommt es durch die Etablierung der neuen Denkweise zu neuen Entdeckungen und neuen Erfindungen oder praktischen Methoden, gemäß dieser Denkweise zu handeln. Diese Möglichkeiten und Entdeckungen wären durch keinen der beiden Denkansätze, die die anfänglichen widersprüchlichen Aussagen hervorgebracht haben, zu realisieren gewesen. Der Preis für die neue Denkweise ist häufig ein Verlust der Anschaulichkeit, der einfachen Nachvollziehbarkeit und Mitteilbarkeit der geistigen Methode. Weil man von der Existenz “echter” Paradoxien die Natur der Wirklichkeit betreffend nicht unbedingt ausgehen kann (widerlegen kann man sie allerdings auch nur sehr schwerlich), ist es vielleicht angemessen, stattdessen von “starken” Paradoxien zu sprechen. Ein “starkes” Paradoxon ist nur dann vorhanden, wenn es die Entwicklung einer neuen Denkweise oder einer neuen geistigen Methode erfordert, und wenn diese Denkweise oder Methode dann auch einen produktiven Effekt in irgendeiner Art hat. In geistiger Hinsicht wird diese besondere Form der Weiterentwicklung meistens mit dem Begriff “Transzendenz” beschrieben. Ich möchte an dieser Stelle einige Beispiele für Paradoxien und widersprüchliche Denkansätze in unterschiedlichen Themenbereichen aufführen, die dort zu neuen Denkansätzen und zu Transzendenzeffekten geführt haben. Eines der bekanntesten Beispiele ist sicherlich das Welle-Teilchen-Paradoxon der Quantenphysik. Dieses Paradoxon entzündet sich an den Ergebnissen verschiedener Experimente, die manchmal eine wellenartige Natur subatomarer Teilchen bzw. Strahlung nahelegen, und manchmal eine teilchenartige Natur. Die wellenartige Natur der Strahlung (z.B. elektromagnetische Strahlung in Form von Licht, aber auch Elektronen u.a.) zeigt sich beispielsweise in einem sogenannten Doppelspaltexperiment. Schickt man die Strahlung durch eine Blende mit zwei spaltförmigen Löchern (also durch zwei Schlitze) dann sieht man auf einem Schirm hinter dieser Blende nicht zwei schmale beleuchtete Streifen sondern ein charakteristisches Interferenzmuster, welches dadurch entsteht, dass sich an manchen Stellen die Wellenberge zusammenaddieren, und der Schirm dort beleuchtet ist, während sich an anderen Stellen ein Wellenberg von dem Licht aus dem einen Spalt mit dem Wallental von dem Licht aus dem anderen Spalt zusammenfügt und sich Berg und Tal dann gegenseitig aufheben, und der Schirm an dieser Stelle nicht beleuchtet ist. Das Licht verändert also beim Durchqueren des Spaltes seine Richtung ähnlich wie Wasserwellen beim Durchqueren solcher Spalte sich von dort aus in konzentrischen Kreisen ausbreiten, als wenn man dort ein Steinchen ins Wasser geworfen hätte. Die teilchenartige Natur von Lichtstrahlen, die dann zum Begriff der Photonen, den Licht-Teilchen geführt hat, offenbart sich beispielsweise, wenn man versucht, die Intensität eines Lichtstrahls immer weiter zu reduzieren. Irgendwann stellt man fest, dass man die Intensität nicht mehr weiter reduzieren kann, weil dann entweder gar kein Licht mehr beim Meßgerät ankommt, oder ab und zu eine geringe Menge entsprechend einer ganz charakteristischen Energieeinheit (Quantelung). Um die Frage, ob denn nun die Wellennatur oder die Teilchennatur die eigentlich richtige Vorstellung sei, zu beantworten, hat man versucht, Licht entsprechend der Energie eines einzigen Lichtteilchens durch den Doppelspalt zu schicken. Man vermutete, dass dieses Lichtteilchen dann nur durch entweder den einen oder den anderen Spalt hätte gelangen können, so dass auf dem Schirm hinter der Blende dann kein Interferenzmuster entstehen dürfte, weil das Interferenzmuster ja dadurch entsteht, das Lichtstrahlen (= -wellen) oder Lichtteilchen aus beiden Spalten auf dem Schirm zusammentreffen. Das überraschende Ergebnis war, dass dennoch Interferenzmuster entstanden, als wenn das unteilbare Lichtquantum (Photon) gleichzeitig durch beide Spalte gewandert wäre, sich also doch aufgeteilt und wieder zusammengefügt hätte. Dann hätte man an dem einen Spalt aber auch ein halbes Lichtteilchen messen können müssen, was der Teilchentheorie widersprochen hätte. Oder das Lichtteilchen ist nur durch den einen Spalt gewandert, und durch den anderen Spalt wäre dann eine energielose “Gespensterwelle” gewandert, mit der das Teilchen dann interferiert hätte, die mit anderen Worten den Punkt des Auftreffens auf dem Schirm entscheidend mitbestimmt hätte. Die Quantenphysik hat diesen Widerspruch aufgelöst, in dem sie bei den mathematischen Gleichungen, die die Welleneigenschaften des Lichtes beschreiben, nun nicht mehr annimmt, dass damit Energiezustände entsprechend Wellenbergen und -tälern beschrieben werden, sondern Wahrscheinlichkeiten, dort ein Photon (oder ein anderes subatomares Teilchen) anzutreffen oder nicht. Diese Theorie ist zwar im wissenschaftlichen Gebrauch anwendbar, entspricht aber ganz und gar nicht dem üblichen Alltagsdenken und ist auch für Wissenschaftler nicht mehr richtig bildlich vorstellbar. Eine technische Erfindung, die auf der Lösung dieses Paradoxons basiert, ist z.B. die Quantenkryptografie, die allerdings noch nicht ausgereift ist. Weder mit dem Wellenmodell noch mit dem Teilchenmodell ließe sich ein quantenkryptografisches Verfahren erfinden oder entwickeln. Ein anderes Beispiel für ein Paradoxon betrifft den Vergleich verschiedener spiritueller Meditationsschulen aus unterschiedlichen religiösen Traditionen. So ist beim systematischen Vergleich der Meditationstechniken tibetisch-buddhistischer und hinduistischer Schulen entdeckt worden, dass zwar ein vergleichbares Erleuchtungserlebnis als Ziel angestrebt wird, aber dass sich die Techniken der Aufmerksamkeitsschulung dafür deutlich unterscheiden. Während der Meditierende sich in der hinduistischen Schule auf den Fluß der geistigen Ereignisse, d.h. seine Sinneswahrnehmungen und Gedanken konzentriert und diese dadurch zu kontrollieren lernt, konzentriert sich der buddhistische Adept auf Brüche in dem Kontinuum der Phänomene (Sinnesreize, Gedanken etc.), mit anderen Worten darauf, was sich von einem Moment zum nächsten verändert, ohne dass dies vorhersehbar wäre, oder einem Rhythmus oder schwingungsartigem Ablauf entsprechen würde. In der buddhistischen Tradition wird zwar die wahre Natur der Erleuchtungserlebnisse bei der hinduistischen Schulungsmethode anerkannt, man ist jedoch der Meinung, dass die Erleuchtung, die durch die buddhistische Methode erreicht wird, tiefer ist, weil die Methode der Aufmerksamkeitskontrolle schwieriger ist. Das Paradoxon in diesem Beispiel bezieht sich hier auf zwei implizite Eigenschaften der Weltbilder, die den religiösen Weltanschauungen zugrunde liegen. Das eine Weltbild besagt, dass alles ständig im Fluß ist, und sich ewig den göttlichen Gesetzen entsprechend verändert. Das andere Weltbild besagt hingegen, dass dieser Fluß der Veränderungen nur ein Trugbild und die wahre Natur der Welt ewig gleich ist, sie äußert oder realisiert sich sich allerdings in Formen, die in jedem Moment anders sind. Im ersten Weltbild ist die Wandlung ein Kausalereignis von der Vergangenheit in die Gegenwart, bzw. von der Gegenwart in die Zukunft, während die Kausalität sich entsprechend dem zweiten Weltbild nicht mehr in der Veränderung durch die Zeit realisiert, sondern die “wahre” Kausalität bezeichnet den stets von neuem stattfindenden Schöpfungsprozess der Welt aus ihrem “wahren” Ursprung. Die Erleuchtung am Ende der Schulungen relativiert beide Weltbilder dann natürlich als Vorstellungen, die aus Verblendung resultieren, ein Unterschied in den Lerneffekten bleibt aber aufgrund der unterschiedlichen Meditationsmethoden dennoch bestehen. Im Bereich der Psychologie und Psychotherapie konkurrieren die psychodynamischen Theorien, die ihren historischen Ursprung in der Psychoanalyse von Sigmund Freud haben, und die allgemeinpsychologischen Theorien und die Verhaltenstherapie um die angemessenere Beschreibung der Wirklichkeit und die wirksameren Therapiemethoden. In der Therapieforschung ist die Wirksamkeit beider Ansätze nachgewiesen worden. Psychodynamische Theorien behaupten, dass das Verhalten eines Menschen hauptsächlich durch unbewußte Prozesse bestimmt wird, die sich durch Bestrebungen in Richtung Triebbefriedigung einerseits (Hunger, Sex, Macht, Vermeidung von Schmerz) und in Richtung Anpassung an soziale und ethische Normen andererseits (das Bedürfnis, sozial akzeptiertes und den eigenen ethischen Normen entsprechendes Verhalten zu zeigen) ergeben. Veränderungen im Verhalten ergeben sich entsprechend durch Bewußtmachen der zugrundeliegenden Motive. In den Theorien der allgemeinen Psychologie und der Verhaltenstherapie geht man dagegen davon aus, dass ein Mensch Verhaltensweisen zeigt, die er gelernt hat, und geändertes Verhalten entsprechend neu erlernt und auch geschult werden muss. Das Paradoxon dieser beiden Theorien zeigt sich dann, wenn ein Mensch manchmal Dinge lernen und danach auch umsetzen kann, die seinen Triebbedürfnissen oder den sozialen und ethischen Normen widersprechen, während ein Mensch manchmal einfache Dinge nicht lernen oder Gelerntes nicht umsetzen kann, weil unbewußte Prozesse dies verhindern. Mit den Beispielen aus Physik, Spiritualität und Psychologie habe ich quasi die Bereiche Erde, Himmel und Mensch angesprochen, was zeigt, dass das menschliche Denken immer wieder an seine eigenen Grenzen stößt, und der Geist jedesmal neuartige Strukturen für Denken und Modellbildung hervorbringen muss, damit diese Grenzen überwunden werden können. Paradoxien haben ihre eigentliche Ursache daher nicht in der Kompliziertheit der Welt oder der Dinge, die beschrieben werden sollen, sondern in der Struktur des Denkens, die die Komplexität der Phänomene nicht vollständig erfassen kann. Wenn es jemandem gelungen ist, ein Paradoxon zu verstehen und zu überwinden, entsteht sehr schnell ein sprachliches Problem, weil in der neuen Beschreibung des Problems deutlich gemacht werden muss, dass man sich in keinem der beiden Bezugssysteme befindet, die die anfänglichen widersprüchlichen Aussagen hervorgebracht haben. Wenn eine andere Person dann die Einsichten nachvollziehen möchte, aber beim Nachvollziehen der neuen Beschreibung in die alte, unzulängliche Denkweise zurückfällt, entstehen sehr schnell Missverständnisse. In dem Themenfeld innere Kampfkünste kann es daher ebenfalls sehr schnell zu typischen Missverständnissen kommen, die ich in den anderen Kapiteln schon angesprochen habe. Beispielsweise kann man feststellen, dass es bei inneren Kampfkunststilen nicht möglich ist, zu entscheiden, welcher Muskeltonus besser oder schlechter ist, weil es auf das Zusammenspiel von weich und hart ankommt. Wenn man dann aber, um den Unterschied zu typischen äußeren Stilen zu betonen, die Wichtigkeit der weichen Elemente hervorhebt (damit klar wird, dass weich und hart zusammengehören), kann es schnell passieren, dass Leute glauben, innere Stile seien weich und äußere Stile seien hart. Das Ziel beim Überwinden und Auflösen von Paradoxien kann nicht sein, eine abgehobene, nicht mehr nachvollziehbare oder nur durch schwierige Fachbegriffe zu vermittelnde Denkweise zu erreichen. In der Quantenphysik oder anderen Wissenschaften mag dies vielleicht nötig sein, in den Kampfkünsten ist es jedoch wichtig, dass man bei der Anwendung schnell und effektiv sein kann. Man hat hier keine Zeit, lange nachzudenken, sondern es ist notwendig, seine praktischen Fähigkeiten sofort nutzen zu können. Das Auflösen der Paradoxien und Gegensätze hat hier genau diesen Zweck. Man erlernt, quasi gleichzeitig langsam und schnell, weich und hart, technisch und intuitiv zu sein, weil man sich wegen derartiger Entscheidungen keinen Kopf mehr zu machen braucht. Man bemüht sich nicht, langsam oder schnell zu sein, eine Technik hervorzuzaubern, oder sich auf irgendein Prinzip zu konzentrieren, sondern das Ziel ist es, dass alles Notwendige der Situation entsprechend praktisch umgesetzt werden kann, ohne dass einengende geistige Konzepte dabei im Weg stehen.
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