Was ist “Neijia Gongfu”

Der Begriff “Neijia Gongfu” bezieht sich auf die inneren Kampfkünste Chinas, die der sogenannten inneren Schule (“Neijia”) zugeordnet werden, im Gegensatz zu den äußeren Stilen (“Waijia”, z.B. Shaolinquan); mit “Gongfu” bezeichnet man das angestrebte Ziel der Meisterschaft, welche eine besondere Form der körperlichen Kräftigung, der Konzentrationsfähigkeit des Geistes, der Kontrolle der Emotionen, der Beherrschung von Techniken sowie der Verinnerlichung von zugrundeliegenden Prinzipien beinhaltet. Die Begriffskombination “Neijia Gongfu” ist in China sehr geläufig (bei Google 内家功夫 eingeben), während sie im deutschen und englisch/amerikanischen Sprachgebrauch zur Zeit noch eher selten anzutreffen ist (bei Google “Neijia Gongfu” eingeben, auch englisch-sprachige Suche ausprobieren). Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass die Begriffe “Neijia” und “Gongfu” auch einzeln noch häufig erläuterungsbedürftig sind, so dass eine kombinierte Anwendung nicht als klärender oder funktionaler Begriff empfunden würde, sondern als unverständliches “Fachchinesisch” (!!!). Ein weiterer Punkt ist, dass der Begriff “Gongfu” nichts anderes ist als die inzwischen übliche offizielle PinYin-Version des bekannteren Begriffes “Kung-Fu” (nach dem Wade-Giles-System, “PinYin” bedeutet “Umschrift”), der in populärer, aber etwas verzerrender Weise auch als Sammelbezeichnung für sämtliche äußeren chinesischen Kampfkunststile (Waijia) benutzt wird. Dass man auch in den inneren Kampfkünsten Kampf- und Selbstverteidigungsfähigkeiten kombiniert mit einer besonderen Form der Körperkräftigung erwerben kann, ist noch häufig unbekannt, und wird nicht selten bezweifelt oder als Widerspruch angesehen. Die Kombination “Neijia Gongfu” wirkt daher angesichts eines eher oberflächlichen Kenntnisstandes über chinesische Kampfkünste in der westlichen Welt etwas paradox und eventuell sogar provokativ.

Die innere Schule

Die bekanntesten Stile der inneren Schule (Neijia) sind Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang. Weniger bekannte Stile sind z.B. Yiquan bzw. Dachengquan, Tongbeiquan oder Liuhebafa.

Jeder dieser Stile unterscheidet sich trotz vorhandenen Gemeinsamkeiten deutlich voneinander, so dass auch das angestrebte Ziel, das Gongfu des jeweiligen Stiles ein anderes ist. Dazu kommt, dass es von jedem dieser Stile zahlreiche Unterstile gibt, die ihrerseits besondere Eigenschaften haben. Teilweise können sich manche Unterstile verschiedener Hauptstile ähnlicher sein, als die jeweils bedeutensten Repräsentanten des Hauptstiles.

An dieser Stelle möchte ich examplarisch auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden inneren Stile eingehen, deren Unterschiede am größten und auffälligsten sind. Dies sind die Stile Taijiquan und Baguazhang. Alle anderen mir bekannten inneren Stile zeigen trotz eigener typischer Merkmale und Eigenschaften relativ deutliche Ähnlichkeiten mit jeweils einem dieser beiden Stile, so dass man sie bei grober Betrachtung irgendwo auf einer Achse zwischen Taijiquan einerseits und Baguazhang andererseits anordnen könnte. In zusätzlichen anderen Dimensionen könnte man dann noch deren Besonderheiten gegenüber sowohl Taijiquan wie auch Baguazhang aufzeigen, falls jemandem diese eindimensionale Beschreibung zu grob erscheinen sollte (was sie auch ist).

Die beiden wichtigsten Substile des Taijiquan sind der Yang-Stil und der Chen-Stil, beim Baguazhang sind dies der Cheng-Stil und der Yin-Stil. Hier sei angemerkt, dass die Begriffe “Yang” und “Yin” in diesen Fällen nichts mit dem Yin-und-Yang-Prinzip gemäß der daoistischen Philosophie zu tun haben, sondern einfach die Familiennamen des Begründers des Stils sind (ebenso sind “Chen” und “Cheng” Familiennamen).

Ich habe jeden dieser vier Stile in einem Gesamtzeitraum von inzwischen über 10 Jahren praktiziert, Yang-Taiji ca. ein Jahr, Chen-Taiji ca. fünf Jahre, einen dem Cheng-Stil sehr ähnlichen Bagua-Stil sieben Jahre und Yin-Stil-Bagua inzwischen über drei Jahre (April 2005). Zur Zeit und in der geplanten Zukunft praktiziere ich ausschließlich Yin-Stil-Baguazhang, ergänzt durch Basis-Übungen aus dem Taiji-Bereich, hauptsächlich Seidenübungen und Stehende Säule, die ich jedoch entsprechend den Yin-Stil-Bagua-Prinzipien modifiziert habe.

Nur ein einziges Prinzip?

Häufig hört man die Behauptung, dass sämtlichen inneren Kampfkunststilen ein und dasselbe Prinzip zugrunde liegen würde, so dass sie sich sozusagen nur durch die weniger wichtige unterschiedliche äußere Form unterscheiden würden, während die eigentlich bedeutsamen Charakteristika der inneren Arbeit die gleichen seien. Meine Hauptthese an dieser Stelle ist, dass die Prinzipien, Trainingsmethoden und Zielsetzungen (hinsichtlich Bewegungssteuerung, Körperhaltung, Energiearbeit, Wirksamkeit) des Taijiquan einerseits und des Baguazhang andererseits so viele Unterschiede aufweisen, dass eine Vereinheitlichung oder Zusammenführung dieser beiden Stile nicht möglich und nicht sinnvoll ist, ohne dabei die Stärken und Vorteile der ursprünglichen Form der Stile entscheidend abzuschwächen. Dies betrifft nicht nur die äußere Form, sondern auch die innere Arbeit hinsichtlich der Lenkung von Energie (Qi), der Bewegungsinitiierung, der Haltungskorrektur und der Körperstruktur. Auch das geistige Prinzip hinsichtlich Konzentration und Steuerung der Aufmerksamkeit weist in beiden Stilen entscheidende Besonderheiten auf, die zu dem jeweils anderen Stil nicht passen. Die Praktizierung von Übungen aus dem Taiji-Bereich kann manchmal als sinnvolle Ergänzung für das Erlernen von Baguazhang betrachtet werden, sie reichen für ein Verständnis des eigentlichen Charakters der Kampfkunst Baguazhang jedoch überhaupt nicht aus. Umgekehrt stellen Übungen aus dem Bagua-Bereich kaum eine sinnvolle Ergänzungspraktik für das Üben oder Vertiefen der Taiji-Prinzipien dar, weil sie den eher strengen Rahmen des Taiji sprengen und teilweise der recht engen Auslegung des Verständnisses, was “Neijia” ist, deutlich widersprechen.

Das Bagua-Prinzip

Dem Baguazhang liegt ein sehr dynamisches Bewegungsprinzip zugrunde, welches Körperhaltungen und Bewegungsformen hervorbringt, die ein Taiji-Praktizierender niemals einnehmen würde. Dieses Bewegungsprinzip hat einen starken Yang-Charakter, in dem es in vielen Bewegungen auch deutlich ausgeprägtere Muskelanspannungen erfordert, und in dem es die detaillierte Ausarbeitung in eine große Anzahl von einzelnen Techniken erfordert und fördert, sofern es nicht ausschließlich zu ästhetischen Form-Demonstrationen eingesetzt werden soll. In seiner ursprünglichen Form, wie sie der Stil-Gründer Dong Hai Chuan und sein Schüler Yin Fu praktiziert haben, beinhaltet das Bagua-System acht verschiedene Tierstile, die jeweils ein vollständiges Kampfkunstsystem für sich darstellen, und über jeweils eine sehr große Anzahl von Einzeltechniken verfügen und über eine allerdings überschaubarere Anzahl von typischen Eigenschaften, Bewegungsprinzipien und typischen Bewegungsmustern. Fundamentale Unterschiede betreffen jedoch nicht nur Yin-Stil-Baguazhang im Vergleich mit Taijiquan, sondern auch die meisten anderen Stile des Baguazhang, auch wenn sie keine acht Tiersysteme mehr umfassen.

Das Taiji-Prinzip

Das Prinzip des Taijiquan ist dieser nach außen gerichteten Dynamik deutlich entgegengesetzt, so dass es ein logischer Widerspruch ist, zu behaupten, dass Taiji und Bagua ein identisches Prinzip zugrundeliegen würde. Es gibt lediglich ein paar gemeinsame Kerneigenschaften, die jedoch für die Erfassung der wesentlichen Eigenheiten des jeweiligen Prinzips bei weitem nicht ausreichen. Der Charakter des Taijiquan ist (stilübergreifend) im Vergleich zu Bagua deutlich yin-betonter, so dass das Bemühen des Trainierenden darin besteht, kampfkunstmäßig effektive Bewegungen zu verkleinern und zu verfeinern, die Effektivität bei immer weniger Einsatz von Muskelkraft und Bewegungstätigkeiten zu erhalten, und ein vorhandenes Technikrepertoire auf immer weniger, sich immer ähnlicher werdende, “abstrahierte” Bewegungen zu reduzieren.

Selbstverständlich beinhalten sowohl Baguazhang wie auch Taijiquan eine Harmonisierung von Yin und Yang, so dass es hier falsch wäre, zu sagen, Bagua sei yang und Taiji sei yin. Die meisten und wichtigsten Bagua-Stile sind im Vergleich zu den meisten und wichtigsten Taiji-Stilen deutlich yang-orientierter, die Taiji-Stile yin-orientierter. Die Unterschiede betreffend Yin- und Yang-Orientierung betreffen nicht nur die Bewegungen und Techniken, sondern auch die Gesamtkonzepte der beiden Stile, die sich beim Baguazhang in Richtung technischer Ausdifferenzierung (yang) und beim Taijiquan in Richtung Vereinheitlichung und Abstraktion (yin) bewegen.

Kombination von Taiji und Bagua?

Es ist natürlich möglich, Taijiquan und Baguazhang parallel zu erlernen und zu üben, wobei es neben positiven Transfereffekten allerdings ständig notwendig ist, die Unterschiede der Prinzipien immer wieder von neuem herauszuarbeiten, damit sich die entgegengesetzten Richtungen der Trainingsmethodik nicht stören und nicht durch Vermischung abschwächen. Es ist in der chinesischen Kampfkunstkultur jedoch eine allgemein verbreitete Ansicht, dass man in seinem Leben nicht einmal genug Zeit hat, die Tiefe eines einzigen Systems wie Bagua oder Taiji auszuschöpfen, so dass die dauerhafte Praxis zweier Stile als nicht sinnvoll erachtet wird. Es mag jedoch stets sinnvoll sein, unabhängig vom betriebenen Hauptstil ergänzend Dinge aus anderen Stilen zu lernen, um den eigenen Horizont zu erweitern und die Überschneidungen zwischen verschiedenen Stilen kennenzulernen. Dies betrifft natürlich nicht nur Taijiquan und Baguazhang, sondern alle Stile, die sich in irgendeiner Weise in Teilbereichen sinnvoll ergänzen können.

Alles neue Stile?

Inzwischen gibt es mehrere ältere und neuere innere Kampfkunststile, die sich als Misch- oder Integrationssysteme von Taijiquan, Baguazhang und weiteren Stilen verstehen. In den meisten Fällen ist die Verwandtschaft zum Taijiquan am größten, so dass man sie als Substile des Taijiquan verstehen kann. Sehr Taiji-ähnliche Mischsysteme sind z.B. Sun-Stil-Taijiquan oder Liuhebafa, in denen die betont weichen und flüssigen Taiji-Bewegungen durch spiralige Bewegungen angereichert wurden, die Bewegungen aus dem Baguazhang ähneln. Beim LiuHe TanglangQuan und beim BaBu TanglangQuan sind dagegen Elemente aus dem Taijiquan und anderen inneren Stilen in einen äußeren Stil gewandert, um damit einen neuen inneren Stil zu erschaffen. Bei neuen Stilen, die durch die Vermischung von bekannten Stilen entstanden sind, stellt sich als erstes die Frage, ob durch die besondere Methode der Zusammenführung und durch eventuelle zusätzliche Ideen und Konzepte ein ganz neuer Stil entstanden ist, dessen wesentliche Besonderheiten in den ursprünglichen Stilen nicht vorhanden waren, oder ob in dem Stil einfach die der Meinung des Stilgründers nach bedeutensten Elemente in kompatibler Form in einem Stil zusammengefasst wurden, so dass man auf das Erlernen der nach Stilgründermeinung unwichtigeren Elemente verzichten kann. Ein Stil, der meiner Einschätzung nach etwas Neues hervorgebracht hat, welches sich in den beiden Ursprungssystemen vorher nicht befand, ist das Cheng-Hsin-System von Peter Ralston, welches aus Taijiquan und Aikido entwickelt wurde. (Es handelt sich hierbei jedoch eher um ein spielerisches Übungssystem als um einen vollständigen Kampfkunststil.) Sun-Stil-Taijiquan und Liuhebafa halte ich dagegen in ihrem Wesen nach für Taiji-Stile, die durch die Elemente anderer Stile über ein etwas reichhaltigeres Bewegungsrepertoire verfügen, jedoch ohne, dass das “Taiji-Universum” dabei verlassen wurde.

Zuviele Wege

Ein besonders hoher Anspruch an ein Mischsystem ergibt sich, wenn dabei behauptet wird, dass beide oder alle Ursprungssysteme vollständig in dem neuen System enthalten seien. Dann muss die Frage gestellt werden, ob die vollständige Repräsentation eines Stils innerhalb eines neuen Stiles überhaupt möglich und legitim ist, wenn dabei etwas weggelassen wurde. Für den Fall, dass nichts weggelassen wurde, würde dies jedoch bedeuten, dass das neue System äußerst umfangreich sein muss, weil es ja außer sämtlichem vorhandenem Übungsmaterial der Ursprungsstile auch neue, integrierte Übungen enthalten muss. Betrachtet man dann die integrierten Übungen getrennt vom Ursprungsmaterial, dann stellt sich die Frage nach dem funktionalen Charakter und dem Repräsentationsanspruch dieser Übungen erneut. Ich habe bislang kein System kennengelernt, welches dem Anspruch, sowohl Taijiquan wie auch Baguazhang angemessen repräsentieren zu können, genügen würde. Wie ich auf dieser Seite detailliert aufzeigen werde, halte ich dies auch für prinzipiell unmöglich.

Ein weitere Aspekt bei der Betrachtung eines Mischsystems ist die Frage der Homogenität. Wenn man unterschiedliche Übungen in einem System zusammenfasst, dann besteht einerseits die Möglichkeit, sie als im Wesentlichen ähnlich zu begreifen, und sie dann weiter aneinander anzugleichen, so dass ein sehr homogenes Übungssystem entsteht. In diesem homogenen Übungssystem gleichen sich die neuen Übungen, unabhängig davon, aus welchem der Ursprungssysteme sie stammen, innerhalb des Systems mehr, als sie den ursprünglichen Übungen ähneln. Andererseits besteht bei der Schaffung eines Mischsystems die Möglichkeit, zu versuchen, die Verschiedenheit der Ursprungsysteme zu erhalten und dadurch ein neues System zu schaffen, welches in seinem Gesamtcharakter wesentlich heterogener ist als jedes der Ursprungssysteme für sich betrachtet. Der Charakter des neuen Systems würde dadurch Elemente des Hin- und Herspringen oder -wandern zwischen den Ursprungssystemen beinhalten. Beim Hin- und Herspringen besteht dabei jedoch die Gefahr, dass es in der Praxis zu einer ungewollten Homogenisierung kommt, die einen Repräsentationsanspruch des neuen Systems für die Ursprungssysteme deutlich untergraben würde. Außerdem muss man sich fragen, ob das Hin- und Herwandern an sich einen besonderen Sinn und Zweck erfüllt, der dann als besondere neue Eigenschaft des neuen Stils verstanden werden könnte. Wenn es diesen Sinn und Zweck des Hin- und Herwanderns nicht gibt, wird man einem neuen System insgesamt kaum einen wirklichen Sinn entlocken können, abgesehen von der Reduktion des Ursprungsmaterial auf ein weniger umfangreiches neues Übungsrepertoire.

Eine ähnliche Problematik ergibt sich ebenfalls, wenn jemand mehrere Stile gleichzeitig praktiziert (vor allem, wenn es mehr als zwei Stile sind), und diese Stile nahezu vollständig als Varianten einer übergeordneten Idee versteht. Im Bereich der inneren Kampfkünste hat sich hier vor allem in China bereits eine Art universelles “NeijiaQuan” entwickelt, welches auch in professionellen Ausbildungsakademien zum raschen Erlernen möglichst vieler innerer und teilweise auch äußerer Stile genutzt wird. Dadurch kann ein Praktiker, wenn er ein bestimmtes Fertigkeitsniveau erreicht hat, in kurzer Zeit sehr viele Formen auf diesem Niveau erlernen und damit ein breitgefächertes, kommerzielles Unterrichtsangebot zusammenstellen oder sich für entsprechende Wettbewerbe vorbereiten. Unter dem Deckmantel der inneren Prinzipien ist eine Art “pseudotraditionelles” Wushu entstanden, welches sich nicht wie das teilweise bereits in Verruf geratene “Modern Wushu” durch schnelle Bewegungen und akrobatische Einflüsse auszeichnet, aber aufgrund der Vereinheitlichung der Bewegungsprinzipien für wirklich traditionelle Stile bzw. traditionelle Interpretationsformen und Trainingsmethoden genausowenig repräsentativ ist. Wenn ein Praktiker (auch wenn er Chinese ist) gleichzeitig Taijiquan, Xingyiquan, Baguazhang sowie weitere innere und/oder äußere Stile mit Neijia-Einflüssen wie z.B. Liuhebafa, Tongbeiquan oder LiuHeTanglang gleichermaßen als “Meister” zu beherrschen behauptet, kann man fast sicher sein, dass dafür eine sehr stark vereinheitlichte Grundlage (ein “NeijiaQuan”) genutzt wird, die nicht die Tiefe und Anwendungsbreite enthält, die mit einem einzigen dieser Stile alleine erreicht werden könnte.

Was passt zusammen?

Egal ob es sich bei einem Kampfkunstsystem um ein neu erfundenes Mischsystem oder um ein traditionell etabliertes System handelt, ein jedes System kann als eine Zusammenstellung verschiedener Übungsmethoden anhand eines oder mehrerer übergeordneter Konzepte betrachtet werden, die einem oder mehreren Trainingszielen dienen, und bestimmten Rahmenbedingungen genügen sollen oder müssen. In manchen Systemen gibt es eine fest umrissene Anzahl von Übungen, aber meistens ist es möglich und erwünscht, entsprechend den Konzepten, Zielen und Rahmenbedingungen eines Stils, Übungen zu verändern und anzupassen, und neue Übungen zu entwickeln, die sich in das Gesamtkonzept nahtlos einfügen.

Im Kapitel “Trainingsmethodik” wird erläutert, wie verschiedene Übungsmethoden in unterschiedlichen Kampfkunstsystemen zusammenwirken, und worauf man achten sollte, wenn man sich ein indivduelles Übungsprogramm zusammenstellt. Leider musste ich in meiner langjährigen Erfahrung in verschiedenen Trainingsgruppen und mit Unterrichtenden ganz unterschiedlicher Kampfkunstsysteme die Erfahrung machen, dass eine wirklich effektive Trainingsmethodik, die sowohl kurzfristig angemessene wie auch langfristig solide Fortschritte verspricht, selten erwünscht ist. Meistens wird zwar großen Wert darauf gelegt, dass Anfängern der Einstieg schnell und leicht gelingt, und sich nach kurzer Zeit spürbare Erfolge einstellen, aber das systematische und zunehmend selbständige Erarbeiten von Fähigkeiten und das Erlernen neuer Übungen wird bei Fortgeschrittenen sehr häufig mit unnötigen Hürden versehen, die eine Ausbildung letztendlich um Jahre verlängern oder sogar gänzlich in eine falsche oder ungünstige Richtung leiten können. Die Ursache für diese Umstände liegt in der Regel in den Motiven der Unterrichtenden, denen ihre finanziellen Bestrebungen und ihre alleinigen Kompetenz- und Führungsansprüche in ihren Schulen und Gruppen häufig wichtiger sind, als die seriöse Weitergabe ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten, wichtiger als eine konstruktive, partnerschaftliche Zusammenarbeit und wichtiger als die Pflege der Kampfkunstkultur im Allgemeinen.

Dieses Thema wird im letzten Kapitel “Unseriöse Praktiken” ausführlich behandelt.