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Baguazhang - eine Geschichte der Wandlungen Um Baguazhang mit seinen zahlreichen Substilen mit Taijiquan und seinen Substilen vergleichen zu können, ist es notwendig, sich mit bestimmten Aspekten der Entwicklungsgeschichte näher zu befassen. Von besonderer Bedeutung ist einmal die ziemlich junge Geschichte dieser Kampfkunst von gerade einmal ca. 150 Jahren sowie die außerordentliche Zersplitterung der Traditionslinien, die in China und auf der Welt ihres Gleichen sucht. Die Entstehungsgeschichte und das offene Konzept dieses Stiles haben dazu geführt, dass es nur wenige einzelne Figuren gibt, die man in vielen Substilen häufig wiederfindet, während es keine einzige längere Form gibt, die man zu einer Art Basisrepertoire dazuzählen könnte. Von den Figuren, die man in relativ ähnlicher Form immer wieder findet, gibt es äußerst viele Varianten, so dass man den Eindruck bekommen kann, eigentlich alles nach Belieben verändern zu können, ohne dass jemand irgendwie überzeugend begründen könnte, warum das vielleicht falsch oder unangemessen sei. Außerdem haben verschiedene andere Kampfkünste zu verschiedenen Zeiten einen prägenden Einfluß auf viele Substile ausgeübt. Für einen Vergleich bzw. eine Gegenüberstellung mit einer anderen Kampfkunst, hier dem Taijiquan, ist es deswegen nicht einfach, diejenigen Elemente und Charakteristika auszuwählen, die bedeutend und repräsentativ für das Baguazhang sind. Ich möchte hier anhand der historischen Entwicklung diejenigen Substile und stilübergreifenden Eigenschaften näher darstellen, mit deren Hilfe eine Ordnung in der Vielfalt erkennbar ist, und die Ansätze für eine Erklärung bestimmter Veränderungs- und Entwicklungsprozesse bieten. Yin-Stil-Bagua - der Ursprung? Wie bereits in der Einleitung erwähnt, betrachte ich den Yin-Stil und den Cheng-Stil als die wichtigsten Substile in der Welt des Baguazhang. Beide Stile besitzen deutlich erkennbare charakterliche Unterschiede, und beide Stile haben wiederum eine zersplitterte Gruppe von Traditionen hervorgebracht. Aus verschiedenen Gründen ist es heute nicht mehr möglich, genau zu bestimmen, wie der ursprüngliche Yin-Stil und wie der ursprüngliche Cheng-Stil entsprechend der Praxis von Yin Fu und Cheng Ting Hua Ende des 19. Jahrhunderts genau aussah. Ein entscheidender Unterschied zwischen diesen Stilen ist aber eine unbezweifelbare Tatsache, und zwar, dass der Yin-Stil bereits von Anfang an ein System war, welches aus acht Tierstilen bestand, und dass dieses System der acht Tiere ein offenes und wandelbares Konzept darstellen sollte, welches den Rahmen für die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Anpassung und Weiterentwicklung bilden sollte. Die acht Tierstile sind Löwe, Schlange, Bär, Drache, Phoenix, Hahn, Einhorn bzw. Qilin und Affe. Die Herkunft der Tierstile ohne die Bagua-Eigenschaften reicht weiter in die Vergangenheit zurück als die Geschichte des Baguazhang. Verschiedene Tierstile dienten bereits seit hunderten von Jahren als Variationsmodell verschiedener anderer Stile des traditionellen chinesischen WuShu. Weil das Konzept des YiJing (das Buch der Wandlungen), welches ja nicht nur acht Trigramme sondern danach auch 64 Hexagramme und eine theoretisch endlose Potenzierung der Kombinationsmöglichkeiten vorsieht, sollte auch jeder Tierstil mit seinen eigenen Hauptcharakteristika mit jedem der anderen Tierstile kombiniert werden. Im Yin-Stil gibt es daher Löwen-Formen mit Elementen der Schlange, mit Elementen des Bären, des Drachen, des Phoenix usw., Schlangen-Formen mit Elementen des Löwen, mit Elementen des Bären, des Drachen usw., so dass sich alle Tierstile gegenseitig durchdringen und Verbindungsstellen aufweisen. Die meisten Tierstile des Yin-Stil-Bagua sind eher hart und kräftig, und haben neben runden Merkmalen auch sehr “eckige” Eigenschaften. Der Cheng-Stil hingegen bildet nur ein einziges Tier von diesen acht Tierstilen ab, und zwar den Drachen. Manche Traditionen des Cheng-Stils oder Cheng-Stil-ähnlicher Bagua-Stile beinhalten auch Figuren oder sogar ganze Formen, die den anderen sieben Tieren zugeordnet werden. Hierbei kommt es jedoch nicht zu einer gegenseitigen Durchdringung, sondern der Bewegungscharakter der Formen ähnelt sich so sehr, dass man bei den Tierformen nicht mehr von unabhängigen Bagua-Tierstilen sprechen kann. Der Charakter des Cheng-Stil-Bagua ist deutlich runder und fließender, manchmal weich, aber manchmal auch kräftig verdrillt. Die meisten anderen Bagua-Stile (z.B. Zhang-Stil, Liang-Stil u.a.), die von anderen Schülern Dong Hai Chuans (z.B. Zhang Zhan Kui) oder auch von Praktikern späterer Generationen (z.B. Gao-Stil, ein Substil des Cheng-Stils) begründet wurden, sind dem Cheng-Stil so ähnlich, dass heutzutage auf eine Zuordnung zu den Traditionen nicht immer sehr großen Wert gelegt wird. Viele Praktiker späterer Generationen haben auch bei Lehrern verschiedener Traditionslinien gelernt, so dass Traditionen wieder zusammengeflossen sind. Man kann daher auch von einem dem Cheng-Stil ähnlichen Standard-Bagua sprechen. Zudem gibt es zwischen verschiedenen Cheng-Stil-Traditionen deutlich erkennbare Unterschiede in der Interpretationsweise. Diese Unterschiede sind zwar bei weitem nicht so groß wie der Unterschied zwischen Yin-Stil und Cheng-Stil, aber manchmal ähneln sich z.B. Zhang-Stil und ein bestimmter Cheng-Stil mehr als verschiedene andere Cheng-Stil-Traditionen sich einander ähneln. Bei den verschiedenen Traditionen des Yin-Stils gibt es ebenfalls zahlreiche Substile und unterschiedliche Interpretationen. Hier kommt es häufiger als im Cheng-Stil vor, dass alle acht Tiere in einem System vorhanden sind. Den Informationen zufolge, die ich von meinen Lehrern im Yin-Stil erhalten habe, ist der Yin-Stil in seiner ganzen Fülle und seinem ganzen Umfang jedesmal nur an wenige Schüler einer nachfolgenden Generation weitergegeben worden. Es existieren daher viele Traditionen, die auf einer nur unvollständigen Weitergabe des Systems beruhen. Die Vollständigkeit des Systems beruht nach Angaben meiner Yin-Stil-Bagua-Lehrer hauptsächlich auf dem Verständnis dessen, dass sich die Tierstile hinsichtlich vieler offensichtlicher und subtiler Aspekte unterscheiden und mit ihren Eigenschaften und Prinzipien gegenseitig durchdringen und ergänzen, und nicht nur eine Sammlung von Techniken und Bewegungen darstellen. Um diese Tradition vor dem Aussterben zu bewahren, haben sich der im Jahre 2003 verstorbene Dr. Xie Peiqi und sein offizieller Nachfolger He Jinbao die Mühe gemacht, dass System in großem Umfang auszuarbeiten, und für die ganzen Kombinationsmöglichkeiten der Tierstile Beispielformen erfunden oder vorhandene Formen weiterentwickelt. Dabei diente auch Originalliteratur von Men BaoZhen, dem direkten Schüler und offiziellen Nachfolger von Yin Fu in der zweiten Generation, als Grundlage. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass dabei Schwerpunktsetzungen und subtile Veränderungen erfolgt sind, so dass man zwar sagen kann, dass in diesem System sowohl der ursprüngliche Geist des Baguazhang im Sinne einer vielschichtigen Kampfkunst, die auf der Theorie der acht Trigramme und den acht Tierstilen beruht, vorhanden ist, wie auch zahlreiche ursprüngliche konkrete Ideen für Prinzipien, Techniken und Anwendungen, dass aber viele einzelne Aspekte und die konkreten Formen und Techniken (also das was man sieht) im Vergleich zu dem, was Dong Hai Chuan und Yin Fu mutmaßlich praktiziert haben, verändert und weiterentwickelt worden ist. Eine größere Übereinstimmung zwischen heutiger Praxis und mutmaßlicher Vergangenheit kann auch in anderen Stilen niemals nachgewiesen und nur selten vermutet werden. Dabei ist auch zu bedenken, dass es in China niemals Tradition und Sitte gewesen ist, alles systematisch auszuarbeiten und jeder Einzelheit einen festen Platz in einem Ordnungsschema zuzuordnen. Dies betrifft nicht nur die Kampfkünste, sondern auch andere Bereiche der Kultur, beispielsweise Philosophie oder Sprache und Schriftzeichen. Vor allem Kampfkünstler bemühten sich stets darum, alle wichtigen Aspekte geheim und versteckt zu halten, um diese Dinge nur an auserwählte Personen weitergeben zu können. Erst dann offenbarten sie zugrundeliegende Ordnungssysteme und allgemeinere Prinzipien, die ein selbständiges Arbeiten, Trainieren und Weiterentwickeln der Künste erst möglich macht. Dabei wurde und wird auch noch heute bewußt zwischen Trainingsmethoden für die Basis und Methoden für den “High-Level” unterschieden. Während das Basistraining die strikte Einhaltung der Regeln erfordert, zeichnet sich das “High-Level”-Training durch größere Freiheitsgrade, systematische Variationen, Vermischen der Konzepte bis hin zum absichtlichen Einbau von Fehlern zu Tarnungszwecken aus. Jeder, der die Gelegenheit hatte, chinesische Meister der älteren Generation zu erleben, die ihre Ausbildung vor der Kulturrevolution erhalten haben, wird bestätigen können, dass diese Leute eine andere Mentalität und Einstellung zu ihrer Kunst und ihrer Methode des Unterrichtens haben, als jüngere Praktiker und Meister, die in der Zeit nach der Kulturrevolution ausgebildet wurden. Es gibt noch weitere Bagua-Stile, die sowohl zum Yin-Stil wie auch zum Cheng-Stil oder Standard-Bagua deutliche Unterschiede aufweisen. Manchmal wird behauptet, dass ein solcher Stil historisch nicht auf Dong Hai Chuan zurückzuführen sei. Ein Beispiel dafür ist das Yin-Yang-Bagua nach Tian Hui und Tian Keyan. Beim Betrachten der Videos über diesen Stil konnte ich charakteristische Elemente des Yin-Stil-Bagua wie auch des Chen-Stil-Taijiquan erkennen. Angesichts der großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Bagua-Stilen bleiben nur verschiedene Vermutungen, wie der ursprüngliche Stil von Dong Hai Chuan ausgesehen haben mag, und aus welchen Gründen sich derart große Unterschiede entwickelt haben könnten. Ich möchte an dieser Stelle mehrere mögliche Versionen skizzieren, ohne selbst entscheiden zu können, welche Geschichte der Wahrheit am nächsten kommt. (1) Das ursprüngliche Bagua Dong Hai Chuans entsprach während seines mittleren Lebensalters dem Bagua, welches er ca. 20 Jahre lang Yin Fu lehrte. Dieses Bagua war hart und kräftig und beinhaltete acht Tierstile. Später entwickelte er den Stil weiter und konzentrierte sich mehr und mehr auf runde und fließende Bewegungen, vielleicht einerseits, weil ihm dies inzwischen in der Anwendung effektiver erschien, und vielleicht andererseits, weil er in fortschreitendem Alter gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, weiterhin hart und kräftig zu trainieren. Sein Niveau war so hoch, dass er nicht mehr in dieser Form zu trainieren brauchte, auch wenn es das Ergebnis von hartem und kräftigem Training gewesen ist. Diese weiterentwickelte oder veränderte Version des Baguazhang gab er dann an Cheng Ting Hua und seine anderen Schüler in seinen letzten Lebensjahren weiter. Aufgrund der kurzen Lehrzeit erlernten die meisten Schüler entweder nur einen einzigen Tierstil, meistens den Drachen, wie z.B. Cheng Ting Hua, oder eine oberflächlichere Version sämtlicher Tierstile. Das Prinzip der gegenseitigen Durchdringung ist dabei verloren gegangen, so dass von den Tierstilen nur einzelne Formen oder typische einzelne Figuren oder Handhaltungen übrig geblieben sind. Nach dieser Theorie stammen beide Bagua-Varianten (Yin-Stil und Cheng-Stil) von Dong Hai Chuan, und die Unterschiede stellen eine Weiterentwicklung oder alters- und weisheitsbedingte Veränderung von ihm selbst dar. (2) Das Bagua von Dong Hai Chuan entsprach während seiner ganzen Lebenszeit eher dem Cheng-Stil-Bagua, war also eher weich und rund, aber er erlaubte und förderte bei Yin Fu die Entwicklung einer etwas anderen Variante, möglicherweise aufgrund von Yin Fu’s Kampfkunstvorbildung oder entsprechend seiner Persönlichkeit. Diese Theorie besagt, dass das Cheng-Stil-Bagua das Original-Bagua sei, während das Yin-Stil-Bagua eine veränderte Version darstelle. (3) Dong Hai Chuans Bagua war während seines ganzen Lebens eher hart und kräftig, und entsprach daher eher dem Bagua der Yin-Stil-Traditionen, und er lehrte sowohl Yin Fu wie auch Cheng Ting Hua und anderen Schülern diese ursprüngliche Version. Die Veränderungen in Richtung rund und fließend wurden von den Schülern von der ersten bis zu den heutigen Generationen in immer stärkerem Maße vorangetrieben. Eine Ursache für die stetige Veränderung war, dass Baguazhang zusammen mit Xingyiquan und Taijiquan zu den drei großen Neijia-Stilen gezählt wurde, und daher das Bestreben entstand, diese Stile aneinander anzugleichen. Weil Taijiquan stets als der Neijia-Stil mit den ausgeprägtesten Neijia-Eigenschaften betrachtet wurde, bedeutete dies für viele Bagua-Stile eine Entwicklung hin zu mehr und mehr typischen Merkmalen des Taijiquan. Dieser Theorie zufolge wäre das Yin-Stil-Bagua das “echte” Bagua, während die Cheng-Stil- und Standard-Bagua-Varianten Verwässerungen in Richtung Taijiquan darstellen. (4) Dong Hai Chuans Baguazhang war während seiner ganzen Lebenszeit so umfassend und wandelbar, dass es sowohl die Yin Fu-typischen Merkmale wie auch die Cheng-Stil-Merkmale und die Eigenschaften anderer Bagua-Stile umfasste. Sämtliche heutzutage auffindbaren Bagua-Varianten stellen daher nur noch Ausschnitte aus dem Spektrum der Fähigkeiten von Dong Hai Chuan dar. (5) Das Bagua von Dong Hai Chuan wies zu nicht unwesentlichen Teilen noch ganz andere Eigenschaften und Formen auf, die heutzutage in keinem Stil mehr enthalten sind. Alle heutigen Bagua-Stile unterscheiden sich in wichtigen Merkmalen vom ursprünglichen Bagua, und der ursprüngliche Charakter ist unwiederbringlich verloren gegangen. Weil die Beantwortung der Frage, welche dieser Theorien (oder welche andere Theorie, die hier nicht aufgeführt wurde) die Herkunft des Bagua am besten erklärt, letztendlich nicht möglich zu sein scheint, ist es notwendig, sich auf die theoretischen Grundlagen des Baguazhang zu stützen, um den zentralen und wirklich wichtigen Eigenschaften und den Zielen einer Ausbildung in dieser Kampfkunst auf die Spur zu kommen. Die Theorie des Baguazhang sind die acht Trigramme des YiJing, die mit den acht Tierstilen sowie mit der Idee des Kreislaufens, einer wahrscheinlich viele hundert Jahre älteren daoistischen Meditationsmethode, verknüpft wurden. Auch wenn die acht Tierstile offenbar nur noch in Traditionen des Yin-Stil-Baguazhang vollständig enthalten sind, bedeutet dies nicht, dass andere Traditionen diese Theorie nicht ebenfalls in ihrer ganzen Tiefe und Komplexität erfassen und umsetzen könnten, auch wenn das heutzutage möglicherweise keiner lebenden Tradition mehr gelingen sollte. Ich halte es auf jeden Fall für sinnvoll, davon auszugehen, dass der Ursprung des Baguazhang in der Theorie der acht Trigramme in Verbindung mit den acht Tierstilen liegt, die Beantwortung der Frage nach dem ursprünglichen Bewegungscharakter möchte ich dabei bewußt offenlassen. Die Theorie der acht Trigramme erscheint auf den ersten Blick nichts weiteres als eine weitere Ausdifferenzierung des Yin-und-Yang-Modells zu sein. So ist eine weitere Aufteilung von Yin und Yang in frühes Yin, spätes Yin, frühes Yang und spätes Yang bereits in der Theorie enthalten, so dass der Sprung von vier zu acht Unterteilungen nicht sehr weit zu sein scheint. Das Bagua-Modell bietet jedoch bei näherem Hinsehen wesentlich mehr als nur eine feinere Aufteilung in Yin-und-Yang-Stufengrade. Insbesondere gibt es zwei typische Darstellungsformen des Bagua-Modells, welche zu unterschiedlichen Zwecken benutzt werden. Die Unterschiede ergeben sich durch eine unterschiedliche Anordnung der acht Trigramme auf dem Kreis. Die beiden typischen Muster werden “früher Himmel” (“xian tian”) und “später Himmel” (“hou tian”) genannt. Die Anordnung beim “frühen Himmel” entspricht der feineren Aufteilung von Yin und Yang in acht statt vier Stufen. Beginnend beim Trigramm mit den drei Yang-Linien ist die Reihenfolge im Uhrzeigersinn: XXX, XXO, OXO, XOO, OOO, OOX, XOX, OXX (siehe Startseite dieser Webseite). Die Anordnung entsprechend des “späten Himmel” lautet wie folgt: XOX, OOO, OXX, XXX, OXO, XOO, OOX, XXO (siehe Yin-Shi-Baguazhang-Page). In der kreisförmigen Anordnung um das Yin-Yang-Symbol herum ist beinahe keine Ordnung in dieser Reihenfolge zu erkennen. Als wichtiges Merkmal gilt, dass die Trigramme XXX (Himmel) und OOO (Erde), die sich beim “frühen Himmel” oben und unten gegenüber befinden, beim “späten Himmel” durch die Trigramme XOX (Feuer) und OXO (Wasser) ersetzt worden sind. Es ist offenbar eine Reihenfolge gewählt worden, die maximal unordentlich wirkt, egal welches Ordnungschema man anzuwenden versucht. Allerdings befinden sich sämtliche weiblichen (XXO, XOX, OOO, OXX) und sämtliche männlichen (XXX, OXO, XOO, OOX) Trigramme nebeneinander, jedoch nicht in einer komplementären oder sonstwie vergleichbaren Reihenfolge. Während der “frühe Himmel” die vorgeburtliche Ordnung und die Harmonie des Kosmos darstellt, steht der “späte Himmel” für das nachgeburtlich Erworbene und den steten Wandel durch Entstehen und Vergehen. Es ist bemerkenswert, dass für Cheng-Stil-Bagua und Standard-Bagua-Stile meistens der “frühe Himmel” als Symbol gewählt wird, während Yin-Stil-Bagua-Vertreter fast immer den “späten Himmel” wählen. Hier wird auch oft auf das Yin-und-Yang-Symbol in der Mitte verzichtet. Die Theorie des Bagua thematisiert also die Tatsache, dass man in der Realität eine perfekte Harmonie von Yin und Yang im Sinne eines gleichförmigen und rhythmischen Wechsels so gut wie nie antrifft. In der Realität scheint es zwar viele Phänomene zu geben, die Aspekte von Yin und Yang enthalten, und es gibt im Leben viele Möglichkeiten, Yin und Yang miteinander in Beziehung zu setzen und zu harmonisieren, aber die Vielfalt der Kräfte des Lebens und die Chaotik und Unvorhersagbarkeit des Lauf der Dinge werden stets eine vollkommene Harmonie verhindern und auch stabil erscheinende Rhythmen und Muster irgendwann wieder aufbrechen. Ewige Wandlungen und kleine Unterschiede In der Kampfkunst Baguazhang dient diese Erkenntnis als Grundlage für das Konzept der Wandlung, denn das Ausbildungsziel des Baguazhang besteht in der Fähigkeit, sich auf jede noch so überraschende Form eines Angriffs in kürzester Zeit optimal einstellen zu können, und in jeder Situation frei agieren und flexibel reagieren zu können. Verwandeln, verändern und anpassen können sich jedoch nur konkrete Dinge, während der Sinn abstrakter “Dinge”, und das sind Konzepte, Ideen, Prinzipien und ähnliches, darin besteht, Wandlungen und zeitliche Veränderungen zu überdauern, und sich daher nicht oder nur in geringem Maße zu verändern. Das Konzept der Wandlung bezieht sich im Baguazhang daher auf konkrete Techniken und Anwendungsideen. Bei jeder Technik wird an jeder Stelle und zu jedem Zeitpunkt damit gerechnet, dass sie nicht funktionieren könnte oder nicht mehr optimal ist, und dass von dort aus eine andere Technik und eine andere Kampfstrategie gewählt werden kann. Dennoch soll den Techniken eine optimale Qualität und Effektivität innewohnen, so dass ein Wechsel der Technik nicht unbedingt zu Regel wird. Wenn ein Praktiker mehrere Tierstile erlernt hat, kann das Konzept der Wandlung bei der Anwendung auf mehreren Ebenen ausgelebt werden. Es besteht die Möglichkeit, bei Bedarf eine andere Technik aus dem selben Tierstil zu wählen oder einen anderen Tierstil zu wählen und damit die Kampfstrategie und -mentalität zu ändern, beispielsweise von eher defensiv zu dominant kämpfend. Beim Wechsel zu einem anderen Tierstil kann die gleiche Technik mit einem anderen Gefühl und einer angepassten Intention ausgeführt werden, oder es wird eine gänzlich andere Technik gewählt. Bei den Bewegungen in den Formen des Baguazhang, egal ob es kurze Richtungswechsel oder längere Formen sind, handelt es sich auf jeden Fall um Techniken und Anwendungsideen, nicht um gänzlich abstrakte Bewegungen wie in den Formen des Taijiquan, die in systematischer Weise in Richtung zu den allgemeineren Haltungsprinzipien verändert und aneinander angeglichen wurden. Auch im Baguazhang gibt es jedoch je nach Stil und Interpretation unterschiedliche Abstraktionsgrade im Sinne der Veränderung der Bewegungen, wie sie in einem realen Kampf stattfinden würden (dessen Eins-zu-Eins-Abbildung, wie bereits erläutert wurde, nicht praktikabel ist). Dabei ist festzuhalten, dass der Abstraktionsgrad nicht bis über die Grenze der Möglichkeit der Zuordnung zu den Bewegungen anwendungstauglicher Techniken getrieben wurde. Die Anwendungsideen und Techniken werden in den Formen jedoch häufig nicht bis zum Ende ausgeführt, sondern vorzeitig beendet und dann wird zu einer neuen Technik gewechselt, die ebenfalls nicht ausgeführt wird, und so weiter und so fort. Der Übende bewegt sich bei den dabei vorgestellten Kampfanwendungen also ständig an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Verhaltensmöglichkeiten und an den Ansatzpunkten für Wandlungs- und Wechselmöglichkeiten der Techniken. Verschiedene Prinzipien wie beispielsweise die typischen Spiralbewegungen und Prinzipien aus den Tierstilen dienen dabei (je nach Bagua-Stil) als Leitlinien. Wenn Bewegungen hier nicht eindeutig als Techniken erkennbar sind, liegt dies weniger an einer Veränderung in Richtung Abstraktion, sondern eher an einer unvollständigen und nur angedeuteten Ausführung. Betrachtet man daher beispielsweise eine einzelne kürzere Bewegung, wie man sie in ähnlicher oder fast gleicher Form sowohl in einer Bagua- wie auch in einer Taiji-Form findet, so wohnen dieser einzelnen Bewegung aufgrund des unterschiedlichen Konzeptes der beiden Kampfkünste und aufgrund des unterschiedlichen Kontextes als Einzelbewegung in einer längeren Form wesentlich mehr Unterschiede inne, als die Ähnlichkeit der Bewegungen vermuten lassen würde. Es gibt daher nicht nur außerlich kaum sichtbare, aber sehr wichtige Unterschiede z.B. bei der Wirbelsäulenkorrektur und im Muskeltonus, sondern auch sehr große Unterschiede bei der mentalen Arbeit und dem Trainingszweck, dem die Bewegung dienen soll. “Low-Level” für “High-Level”, “High Level” für “Low-Level” Um die großen Unterschiede hinsichtlich Sinn und Zweck, die bei sehr ähnlichen Bewegungen in verschiedenen Kampfkunststilen vorhanden sein können, zu verdeutlichen, möchte ich die vielschichtige Trainingsmethodik des Yin-Stil-Bagua nach Dr. Xie Peiqi und He Jinbao kurz beschreiben, um anhand dieser Methoden verschiedene Interpretationen des Cheng-Stil-Bagua und anderer ähnlicher Bagua-Stile differenzierter einschätzbar werden zu lassen. Im Yin-Stil-Bagua gibt es im “offiziellen” Unterrichts- und Übungssystem nach He Jinbao drei verschiedene Methoden, die Formen und Richtungswechsel beim Kreislaufen zu trainieren. Die erste Methode wird mit “Lerngeschwindigkeit” bezeichnet. Die Übungsgeschwindigkeit ist langsam, aber nicht maximal langsam oder mit besonderer Absicht verlangsamt, und die Bewegungen und Techniken werden weich und fließend ausgeführt. Diese Methodik dient in erster Linie dazu, die Reihenfolge der Techniken zu erlernen und bestimmte Aspekte der Haltungskorrektur und der Synchronisation der Handtechniken mit der Schrittarbeit vorzubereiten. Auch wenn hier sehr wichtige Grundlagen für die weiteren Übungsmethoden gelegt werden, ist es eine Methode mit Vorübungscharakter, in der viele Aspekte zunächst nicht perfekt realisiert zu werden brauchen. Die zweite Methode wird “Kraft entwickeln” genannt. Zu diesem Zweck werden die Formen etwas schneller und die Schlagtechniken bei ausreichend geschulter Genauigkeit mit maximaler Kraft ausgeführt. Abgesehen von der für das Gongfu des Yin-Stil-Bagua essentiell wichtigen Entwicklung von spezieller Muskelkraft im Rahmen der Explosionsmethoden (chin. “Fa Li”) geht es hier vor allem um die korrekte Synchronisation von Schlagtechnik und Schrittarbeit. Ergänzend dazu wird beim Üben zunehmend die Vorstellungskraft eingesetzt, um die Techniken bei einem imaginären Gegner anzuwenden, und die Bewegungsabschnitte zwischen den explosiven Ausführungen der Schlagtechniken erlangen mehr und mehr Wichtigkeit und Aufmerksamkeit. In diesen Bewegungsphasen geht es darum, imaginäre Reaktionen des Gegners (Fluchtbewegungen und Kontertechniken) zu parieren, und gleichzeitig in verschiedenen Körperbereichen Energie zu komprimieren, um diese bei den Schlagtechniken entladen zu können. Diese Methode bildet das Herzstück der Ausbildungsmethodik von He Jinbao und stellt eine absolut notwendige Voraussetzung für das Praktizieren der verschiedenen “High-Level”-Methoden dar, die ohne eine jahre- bis jahrzehntelange Vorbereitung mit der Kraftentwicklungsmethode kaum geeignet sind, Gongfu im Sinne der Ziele des Yin-Stil-Bagua hervorzubringen. Die dritte Methode heißt “die Kraft innehaben”, und ist die schnellste der drei Übungsmethoden. Es ist die erste und grundlegende der “High-Level”-Methoden. Hier wird auf die Ausführung der Schlagtechniken mit Explosionskraft verzichtet und die Techniken werden fließend aneinandergefügt. Dennoch sind die Techniken eindeutig erkennbar, und es werden keine ähnlichen Techniken und Anwendungsideen miteinander vermischt. Anschließend können bestimmte Bewegungsphasen verkürzt und runder gemacht werden, um den Bewegungsfluß zu verbessern. Die Ausführung der Techniken ist auch ohne Explosionskraft nach wie vor sehr kraftvoll und das Training sehr anstrengend. Praktiker des Yin-Stil-Bagua, die mittels dieser Methode trainieren, kehren regelmäßig bei Bedarf zu den Methoden der “Lerngeschwindigkeit” und des “Kraft entwickeln” zurück, um die Formen in jeder der Interpretationsarten zu verbessern und um an Detailaspekten zu arbeiten. Auch die zunächst grob und einfach erscheinende Methode der “Lerngeschwindigkeit” kann daher langsam und stetig zu einer sehr anspruchsvollen Übungsmethode verfeinert werden. Letztendlich können sich alle drei Übungsmethoden im Wechselspiel gegenseitig ergänzen und unterstützen, und dabei für die Ausbildung verschiedener Feinheiten sehr wichtig sein. Weitere “High-Level”-Methoden, ergänzend zur Methode des “die Kraft innehaben”, erlauben das Verschmelzen, Vermischen und gegenseitige Durchdringen verschiedener Techniken und verschiedener Tierstile. Das Vermischen und gegenseitige Durchdringen geschieht hier in stärkerem Maße als bei den systematischen Kombinationen der Tierstile miteinander, beispielsweise den Löwenformen mit Elementen der Schlange, mit Elementen des Bären usw.. Der fortgeschrittene Praktiker behält sich dabei allerdings die Möglichkeit offen, trotz zunehmender äußerlicher Ähnlichkeit der Bewegungen während der inneren Arbeit, d.h. bei der Aufmerksamkeitssteuerung, der Energiearbeit und den vorgestellten Angriffen des Gegners bei den differenzierten Konzepten der Tierstile zu bleiben. Wichtige Unterschiede und viele Techniken werden in den Bewegungen nur minimal angedeutet oder gänzlich weggelassen oder durch andere Bewegungen künstlich überlagert, um die eigentlichen Trainingsaktivitäten für Zuschauer und mögliche Angreifer nicht erkennbar zu machen. Ohne die vorherigen Trainingsmethoden nicht wirklich verstanden und bewältigt zu haben, ist eine derartige Übungsmethode sinnlos, und vielleicht ist sie sogar gänzlich verzichtbar. Nur die Praxis der “Low-Level”-Methoden führt zum “High-Level”, während die “High-Level”-Methoden ohne Vorbereitung nur “Low-Level” hervorbringen. Im Yin-Stil-Bagua werden diese “High-Level”-Methoden traditionellerweise mit der Handhaltung der Ochsenzunge praktiziert, die Handkante zeigt nach unten, und die Fingerspitzen zeigen in die Mitte des Kreises. Die Übungsmethoden “die Kraft innehaben” und die letztbeschriebenen “High-Level”-Methoden ähneln von außen betrachtet sehr viel mehr den Varianten des Cheng-Stil-Bagua und verwandten Bagua-Stilen. Formen aus den Cheng-Stil-ähnlichen Bagua-Stilen sind daher vermutlich ebenfalls aus hochintegrierten “High-Level”-Methoden entstanden, allerdings haben sie im Laufe der Zeit in verschiedener Hinsicht einen anderen Charakter und andere Merkmale erhalten, als die entsprechenden Formen und Übungsmethoden aus dem Yin-Stil-Bagua. Für diese Vermutung spricht auch die Tatsache, dass Dong Hai Chuan in seinen letzten Lebensjahren nur Schüler auswählte, die bereits in einer anderen Kampfkunst vollständig ausgebildet waren. Seine Hoffnung dürfte dabei gewesen sein, bei diesen Schülern auf die langjährige Ausbildung der Basis verzichten zu können, um dann die fortgeschrittenen Aspekte seiner Kampfkunst in kürzerer Zeit zu vermitteln. Hinsichtlich der äußerlich sichtbaren Bewegungen kommt es auch bei den “High-Level”-Methoden des Yin-Stil-Bagua zu einer Form der Abstraktion und einer Angleichung unterschiedlicher Techniken aneinander, um dabei gemeinsame Kernelemente spürbar werden zu lassen, und diese Bewegungen als flexible Ausgangspunkte für unterschiedliche Techniken nutzen zu können. Das Bewußtsein für die Differenzierungsmöglichkeiten bleibt dabei aber vollständig erhalten. Der Sinn und die Methode der Abstraktion unterscheidet sich deutlich von der Abstraktionsmethode für Figuren aus dem Taijiquan. Im Taijiquan geht es darum, durch Bewegungen, die sich von Anwendungstechniken systematisch unterscheiden, verinnerlichte Bewegungs-, Körperhaltungs- und Energiearbeitsstrukturen zu schaffen, die erst in späteren Phasen der Ausbildung in Anwendungen wiederentdeckt werden, während im Baguazhang mittels Abstraktion vorher geschulte und differenzierte Techniken miteinander in Verbindung gebracht werden, um schnell zwischen ihnen wechseln zu können, oder um die innerliche Arbeit von sichtbaren Aktivitäten trennen zu können. Die inneren oder geistigen Ergebnisse dieser unterschiedlichen Methoden der Abstraktion unterscheiden sich daher in noch größerem Maße, als sich Taiji-Figuren und -Formen von Bagua-Figuren und -Formen äußerlich unterscheiden. Zum Thema der Verschiedenartigkeit der Übungsmethoden in den verschiedenen Bagua-Stilen habe ich einen interessanten Abschnitt aus dem Buch “Yin Shi Bagua Lianhuan Zhang” (engl. “Yin Style Eight Trigrams Continuous Palms”, dt. “Die sich kontinuierlich bewegenden acht-Trigramm-Hände des Yin Stil”) von Zhu Baozhen in der Übersetzung von Joseph Crandell gefunden, welches ich hier anführen möchte: “In Yin Style Baguazhang, not only is there the palm method, but also the 18 Lines of Lohan fists, and the 12 Continuious Leg method. The skill methods and striking methods above are not the sum of the style characteristics of Bagua Lianhuan Zhang. One adds ones own unique charactericstics to the style. Bagua Lianhuan Zhang only speaks of the Three Basins Palm frames. It does not speak of moving, walking and turning the circle in the Three Basins Forms. Li Yongqing (Iron Arms Li) and Men Baozhen represent the large frame palm method: lightning fast, springy, hard, and crisp. There are also He Jin’gui and Gong Baotian representing the small frame palm method, quick, small, soft, flexible, and clever. The former gives prominence to hard energy and strength. It is suitable for those who are young and strong to practise. The kungfu develops gets quickly. Its practical practical nature is comparatively strong. The latter, then has both hard and soft. The palm method is fine and smooth. The nature of the skill art is strong. The actions of the skill art is strong. The actions are small, clever, and agile. It is suitable for weak bodied and maybe the old. Both have a the skills for nurturing life, preventing desease, strengthening the body, and prolonging life. This book presents the latter type of palm method.” (dt.: “Im Yin Stil Baguazhang gibt es nicht nur die Hand-Methode, sondern auch die 18 Bahnen der Lohan-Fäuste und die Methode der 12 sich kontinuierlich bewegenden Beine. Die oben beschriebenen (Anmerkung: Textstelle wurde hier nicht zitiert) Methoden für Fähigkeiten und Schlagtechniken sind nicht die Summe der Stil-Charakteristika der Bagua Lianhuan Zhang. Man fügt seine persönlichen einzigartigen Besonderheiten dem Stil hinzu. Bagua Lianhuan Zhang spricht lediglich von von den Rahmen der Drei Sammelbecken der Hände (Handmethoden). Von Kreisbewegungen, Laufen im Kreis und Drehbewegungen in den Formen der Drei Sammelbecken ist nicht die Rede. Li Yongqing (Eisenarm-Li) und Men Baozhen repräsentieren die Handmethode des großen Rahmens: blitzschnell, sprunghaft, hart und knackig. Ebenfalls gibt es He Jin’gui und Gong Baotian, die die Handmethode des kleinen Rahmens repräsentieren: schnell, klein, weich, flexibel und schlau. Die erstere gibt harter Energie und Kräftigung den Vorzug. Sie ist geeignet für Personen, die jung und kräftig sind, um zu praktizieren. Das kungfu entwickelt sich schnell und wird schnell erreicht. Die Natur der Praxis ist vergleichsweise kräftig. Die letztere dann beinhaltet sowohl hart wie auch weich. Die Handmethode ist feinsinnig und geschmeidig. Die Natur der Fähigkeiten ist kräftig. Die Aktionen sind klein, schlau und agil. Sie ist geeignet für Personen mit schwachem Körper und vielleicht für die Alten. Beiden wohnt die Fähigkeit inne, das Leben zu nähren, Krankheiten zu verhindern, den Körper zu stärken und das Leben zu verlängern. Dieses Buch präsentiert die letztere Art der Handmethoden.” Übersetzung von Martin Langemeyer). Die englische Übersetzung läßt vermuten, dass die Unklarheiten in den Formulierungen (die ich versucht habe, im Deutschen möglichst genau widerzugeben) auch im chinesischen Originaltext in sehr ähnlicher Weise vorhanden sind. Auf jeden Fall ist aber von prinzipiell verschiedenartigen Trainingmethoden die Rede, die in ihrem Charakter gegensätzlich sind, nämlich einerseits hart und kräftig und andererseits weich und nachgiebig. Zudem wird angedeutet, dass die ausschließliche Fokussierung auf eine dieser methodischen Bereiche das Yin-Stil-Baguazhang nicht vollständig repräsentieren kann, sondern beide Bereiche von Anfang an dazugehört haben. Die zitierte Textpassage stützt folglich die hier von mir vertretene These, dass Bagua-Stile, die sich ausschließlich oder mit sehr starker Betonung auf weiche, runde und nachgiebige Bewegungen konzentrieren und diese zum ausschließlichen Stilmerkmal erheben, unvollständig und verfremdet sind. Verwässerung und Verschiebung der Zielsetzung Betrachtet man die vielen unterschiedlichen Stile und Substile des Baguazhang, kann man angesichts dieser unterschiedlichen Trainingsmethoden zu verschiedenen Vermutungen kommen, zu welchen Veränderungsprozessen es in manchen Bagua-Traditionen gekommen ist. Weil das Grundprinzip des Baguazhang entsprechend den Modellen des “frühen Himmel” und des “späten Himmel” Wandlung und Ausdifferenzierung ist, ist es von immenser Bedeutung, zu wissen und zu verstehen, nach welchen Regeln und unter welchen Rahmenbedingungen Wandlung und Ausdifferenzierung stattfinden. Diese Rahmenbedingungen ergeben sich aus Konzepten, die den einzelnen Trigrammen des Bagua in allgemeiner Form zugeordnet und anschließend in spezifischer Form daraus abgeleitet werden. Ein unvollständiges Verständnis dieser Regeln hätte (beispielsweise bei der Entwicklung neuer Formen oder neuer Anwendungsideen) eine Vielfalt und Beliebigkeit an unpassender Stelle zur Folge, während gleichzeitig andere Bereiche zu Unrecht übersehen würden. Zudem sind diese Prinzipien nicht nur mittels der verschiedenen Tierstile und zahlloser Techniken verwirklicht worden, sondern haben sich auch in einer vielschichtigen Übungsmethodik niedergeschlagen, die letztendlich nur im Gesamtzusammenhang verständlich und in der Praxis sinnvoll ist. Ich halte es daher für eine sehr naheliegende Vermutung, dass es in der Geschichte des Baguazhang in keiner der Traditionen in der (länger zurückliegenden) Vergangenheit jemals eine vollständige und systematische Ausarbeitung der Übungsmethoden gegeben hat, sondern dass die Übungsmethoden spontan und nach Bedarf entsprechend den übergeordneten Konzepten erfunden und praktiziert wurden. Angesichts der Neigung der Chinesen zur Geheimhaltung und zur bisweilen nachlässigen Handhabung theoretischer Aspekte und systematischer Ordnungsprinzipien erscheinen mir die meisten Bagua-Stile als Systeme, in denen manche Aspekte aus einzelnen Tierstilen und manche Aspekte aus einzelnen Übungsmethoden stark überbetont werden, während andere Aspekte in diesen Systemen vollständig verschwunden sind, und inzwischen sogar häufig als nicht zum Baguazhang passend empfunden werden, obwohl sie ursprünglich dazugehörten. Zudem sind in manchen Traditionslinien und kulturellen Gruppierungen (z.B. Ausbildungsakademien für alle möglichen WuShu-Stile) andersartige Motivationen bei den Praktikern und andersartige Vorstellungen über den Sinn der Praxis des Baguazhang entstanden, die nicht mehr zu einem Kampfkunstsystem mit dem Ziel maximaler Effektivität passen. Dabei handelt es sich einerseits um die Gesundheitspflege und andererseits um die Ästhetisierung der Bewegungen zu Demonstrationszwecken. Hochintegrierte “High-Level”-Methoden wurden praktiziert, ohne vorher dafür eine Grundlage im Sinne einer Kräftigung des Körpers und im Sinne einer ausgeprägten Differenzierungsfähigkeit für Anwendungstechniken zu legen. Das Verständnis für den Sinn vieler Bewegungen ist verloren gegangen und wurde durch eine Mentalität ersetzt, dass man jederzeit spontan irgendeine Anwendung erfinden könne, die gerade passend erscheint. Nicht zuletzt führte der runde, harmonische und optisch ansprechende Charakter der “High-Level”-Methoden zu der Motivation, Baguazhang in ein Übungssystem zu verwandeln, in dem Muskelkraft und größere physikalische Kräfte weitgehend vermieden werden sollen, weil die Nutzbarmachung dieser Kräfte der Einordnung von Baguazhang als Neijia-Stil widersprechen würde. Manche Bagua-Stile haben sich dabei von den Anforderungen einer Kampfkunst und vom theoretischen Hintergrund der Bagua-Theorie mit differenzierten Konzepten für die einzelnen Trigramme und den Modellen des frühen und späten Himmel so weit entfernt, dass man sie nicht mehr als authentischen Ausschnitt oder als repräsentative Interpretationsmöglichkeit vom mutmaßlich ursprünglichen Baguazhang betrachten kann, egal welchen Bewegungscharakter (weich oder hart, fließend oder explosiv etc.) oder welche Bewegungsvielfalt (teilweise weich, teilweise hart, manchmal fließend, manchmal explosiv etc.) man diesem Ur-Bagua zuschreiben möchte. Taiji und Bagua - verschiedene Wege, gleiches Ziel? Die grundlegenden Konzepte und Übungsmethoden des Taijiquan und des Baguazhang erscheinen in verschiedener Hinsicht komplementär. Während in einer Taijiquan-Ausbildung mittels der abstrahierten Figuren in den Formen zunächst von Anwendungsideen unabhängige verinnerlichte Strukturen geschaffen werden, die anschließend in einer Vielzahl von sogar Taiji-untypischen Techniken wiederentdeckt und angewendet werden können, erlernt man in einer Ausbildung für Baguazhang als Kampfkunst zuerst Figuren, denen eindeutig eine bestimmte Anwendungsidee zugeordnet ist, und erst nach und nach werden diese Anwendungsideen immer mehr miteinander vernetzt und zueinander in Verbindung gebracht. Im Taijiquan wird zuerst ein inneres Zentrum und ein geistiger Ruhepol geschaffen, aus dem Bewegung initiiert wird, während im Baguazhang zunächst Kraft (Spiralkraft und/oder Schlagkraft) und eine Bewegungsdynamik (nach außen) erzeugt wird, die dann allmählich mehr und mehr nach innen verlagert wird. Vielleicht kann man auch sagen, dass im (fortgeschrittenen) Training des Taijiquan die Vielfalt aus der Einheit geschaffen wird, während im (fortgeschrittenen) Bagua-Training die Einheit in der Vielfalt gesucht wird. (Die Erfinder der Stile sind beim Entwickeln der Übungsmethodik natürlich den umgekehrten Weg gegangen. Und: Man darf bei solchen Gedankenspielen nicht vergessen, dass das, was hier jeweils mit “Einheit” und “Vielfalt” bezeichnet wird, entsprechend der unterschiedlichen Stilkonzepte nicht als identisch, sondern nur als vergleichbar betrachtet werden kann.) Zum Schluß ganz auf den Punkt gebracht: Bei einer Taiji-Ausbildung übt man zuerst Yin und dann Yang, und bei einer Bagua-Ausbildung zuerst Yang, dann Yin. Hierbei zu beachten ist, dass “Yang” hier keinesfalls äußerlich bzw. waijia bedeutet, weil sämtliche Yang- und Yin-Aspekte gleichermaßen den stileigenen Anforderungen für einen inneren Stil genügen. Weder wandelt sich Baguazhang im Laufe einer Ausbildung von einem äußeren zu einem inneren Stil, noch verwandelt sich Taijiquan von einem inneren Stil in einen äußeren Stil. Eine Entwicklung von Yang zu Yin innerhalb eines inneren Stils ist daher nicht mit einer Verwandlung eines äußeren Stils zu einem inneren Stil vergleichbar, weil dabei viele Schwierigkeiten auftauchen können, wenn die Regeln für ein inneres Training nicht mit den Anforderungen des äußeren Trainings zusammenpassen. Obwohl ich diese Polarisierung hinsichtlich der den beiden Kampfkünsten zugrundeliegenden Philosophien zwar für recht pauschal und vereinfacht, aber für grundsätzlich zutreffend halte, sollte man nicht vergessen, dass solche idealisierten Konzepte in der Praxis nur in seltenen Fällen umgesetzt werden. Je nach Interessenslage und Persönlichkeit beschäftigen sich Praktiker gewöhnlich von Anfang an in vielschichter Weise mit den Aspekten ihrer Kampfkunst (zumindest von dem Zeitpunkt an, wenn die ersten Hürden des Anfängerdaseins genommen sind). Taijiquan-Adepten, die Interesse an Selbstverteidigung und Anwendungstechniken haben, werden während ihrer ganzen Ausbildungszeit versuchen, die Taiji-Prinzipien in Anwendungen umzusetzen, auch wenn sie wissen und merken, dass ihre inneren Strukturen noch unvollkommen ausgebildet sind. Ein Praktiker, der sich für Taiji als Pushwettkampfstil interessiert, wird die ganze Zeit pushen, auch wenn er weiß, dass für “richtiges” Pushen ein sehr hohes Niveau in der Stehenden Säule und in der Form Voraussetzung ist. In vergleichbarer Weise interessieren sich Bagua-Schüler fast immer für innere Prinzipien, die allen Tierstilen zugrundeliegen, obwohl sie wissen und merken, dass sie zunächst einzelne Techniken aus einem einzigen Tierstil vervollkommnen sollten. Aber auch wenn in der Praxis die von der Theorie geforderte Trennung der Übungsmethoden für die Basis und der Methoden für Fortgeschrittene selten eingehalten wird, bleibt aber im Bewußtsein, was die Basis bildet, und in welcher Weise die fortgeschritteneren Methoden auf der Basis aufbauen. Es ist daher eine grob vereinfachte Sichtweise, wenn man für die sehr unterschiedlichen Wege entsprechend den unterschiedlichen Konzepten der beiden Kampfkünste ein gleiches Ziel postuliert. Ein gleiches Ziel besteht höchtens in der Weise, als dass sowohl Taijiquan wie auch Baguazhang umfassende Kampfkünste darstellen, in dem Sinn, dass man von einer einzelnen Technik oder Anwendungsidee kaum jemals sagen kann, dass sie nur zum Taiji oder nur zum Bagua oder zu keiner der beiden Künste gehören würde. Beinahe jede Technik und Anwendungsidee kann man in beiden Kampfkünsten irgendwo finden oder an angemessener Stelle einbauen oder in eine sinnvolle Beziehung zu den Prinzipien setzen. Dies ist allerdings eher eine theoretische Angelegenheit. Betrachtet man beispielsweise irgendeine beliebige Zusammenstellungen von Techniken, wird man nur in sehr seltenen Fällen bei äußerst umfassend ausgebildeten Praktikern des Taiji einerseits oder Praktikern des Bagua andererseits eine Beherrschung aller Techniken vorfinden. Wenn man die Fähigkeiten und bevorzugten Verhaltensweisen von Taiji-Praktikern und Bagua-Praktikern vergleicht, wird man deutliche Unterschiede vorfinden, die sich aus den unterschiedlichen Konzepten, unterschiedlichen Übungsmethoden und unterschiedlichen Ausbildungswegen dieser Kampfkünste ergeben haben.
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